Liveblog Sachsen-Anhalt

Einreise nach Cochstedt Live

Von Stephan Schulz | 13. Februar 2015 


Bevor ich am Donnerstag Verkehrsminister Thomas Webel interviewen konnte, wurde ich von drei Frauen und einem Mann gefilzt. Ich stand an der Sicherheitskontrolle des Flughafens Magdeburg-Cochstedt und legte mein Handgepäck auf ein Förderband. Anschließend schaute ich dabei zu, wie Jacke, Handy, Schlüsselbund, Feuerzeug und Mikrofontasche gemächlich in den dunklen Schlund einer Durchleuchtungsanlage fuhren. Ich kam mir vor wie ein Tourist, der ungeduldig darauf wartet, im Bauch eines Flugzeuges zu verschwinden. Dabei wollte ich gar nicht fliegen. Ich wollte nur zur Pressekonferenz.

Ich konnte daher auch nicht begreifen, warum ich wie ein Flugpassagier abgefertigt wurde. Zumal ich auf dem Rollfeld kein einziges Flugzeug entdecken konnte. Warum also diese Prozedur? Irgendwann kam ich drauf: "Das Sicherheitspersonal bekommt nur selten echte Fluggäste zu sehen", dachte ich. "Es scannt deshalb alles, was sich bewegt. Mensch und Maus gewissermaßen, um nicht aus der Übung zu kommen." Das verdiente Respekt. Ich gab meine innere Abneigung gegen die Kontrolle auf und schritt freudig durch den Metalldetektor. Er schlug sofort Alarm.

Verdächtiger Gegenstand im Handgepäck

In diesem Moment erinnerte ich mich an Paris, an den Flughafen Charles-de-Gaulle. Ich wäre dort vor einigen Jahren beinahe verhaftet worden. In meinem Handgepäck lag damals ein verdächtiger Gegenstand. Als er auf dem Wärmebildschirm sichtbar wurde, kesselte mich das Sicherheitspersonal sofort ein. Ich wollte ganz offensichtlich eine Maschinenpistole mit ins Flugzeug nehmen. Mir stand der Angstschweiß auf der Stirn. Ich hatte keine Ahnung, wie das Mordwerkzeug in meine Tasche gekommen war. Aber dann fiel es mir wieder ein
: Ich hatte auf dem Flughafen ein Hochzeitsgeschenk für ein befreundetes Pärchen gekauft, einen professionellen Weinentkorker für die Wandmontage. Das Teil sah auf dem Wärmebildschirm tatsächlich wie eine vollautomatische Handfeuerwaffe aus. Ich war heilfroh, dass es in Wirklichkeit der Weinöffner war. Ich musste ihn in Paris zurücklassen.

Nachdem der Metalldetektor in Cochstedt Alarm geschlagen hatte, griff der einzige Mann in der Runde zum Handscanner. Meine silberne Gürtelschnalle schlug an und die Metallösen meiner Wanderschuhe. Ich musste beides ablegen, was mir etwas peinlich war, weil die Wanderschuhe gerade eine Woche lang im Gebirge gewandert waren. Ich machte mir ernsthafte Sorgen um ihren Frischegehalt. Aber mein Gegenüber verzog keine Miene. Alles schien in Ordnung zu sein.

Lederhosen und Ganzmetallflugzeuge

Nach gefühlt zehn Minuten Sicherheitskontrolle konnte ich endlich nach Cochstedt einreisen. Im ersten Stock des Flughafengebäudes präsentierte Verkehrsminister Thomas Webel kurze Zeit später das neue Luftverkehrskonzept für Sachsen-Anhalt. Er begann die Pressekonferenz mit einem ES WAR EINMAL. Ich kenne das schon. Viele Pressekonferenzen in Sachsen-Anhalt beginnen mit ES WAR EINMAL. Thomas Webel erinnerte an Hans Grade, der schon 1908 auf dem Cracauer Anger versucht hatte, mit einem Dreidecker in die Lüfte zu steigen. Er erinnerte an Hugo Junkers und seine Flugzeugwerke in Dessau. Und er prägte den Satz: "Als die Bayern noch Lederhosen getragen haben, haben wir schon Ganzmetallflugzeuge gebaut."

 O`Leary und Haseloff 2011
von Martin Paul

Der Verkehrsminister will verhindern, dass die reiche Luftfahrttradition in Sachsen-Anhalt ihre endgültige Bruchlandung erlebt. Deshalb spricht er sich für die wirtschaftliche Weiterentwicklung aller bestehenden Landeplätze aus, angefangen von Halle-Oppin bis Stendal-Borstel. Große Hoffnungen setzt Thomas Webel in den Flughafen Magdeburg-Cochstedt, der jahrelang als Millionengrab bezeichnet wurde. Das Land verkaufte den ruinösen Flughafen vor fünf Jahren an einen dänischen Investor. Seither geht es auf und ab mit dem Flughafen. 

Im März 2011 war ich dabei, als Michael O`Leary, Chef des irischen Billigfliegers Ryanair in Cochstedt aus dem Urlaubsflieger stieg. Im kunterbunten Narrenkostüm eines Till Eulenspiegels posierte er auf dem Rollfeld für die Fotografen, Seite an Seite mit einer Brockenhexe und Wirtschaftsminister Reiner Haseloff, der heute Ministerpräsident ist. Als Michael O`Leary die Gangway herunter kam, begrüßte ihn Reiner Haseloff in meiner Erinnerung mit den Worten: "This is the beginning of a beautiful friendship." Ich vermute seither, dass Reiner Haseloff den Filmklassiker Casablanca in seiner Jugend in Endlosschleife geguckt hat. Das Melodram mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle endet mit dem Satz: "Dies ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft." Filme sind jedoch nicht das Leben. Deshalb hielt die Freundschaft
zwischen Reiner Haseloff und Michael O´Leary auch nicht für die Ewigkeit. Die Iren boten zwar einige Urlaubsflüge nach Spanien an, aber irgendwann hatten sie keine Lust mehr auf Cochstedt und sind einfach weggeflogen. Vermutlich für immer. 

Zartes Pflänzchen Flughafen

Geblieben ist der dänische Investor, eine Aktiengesellschaft, die weder Kosten noch Risiken scheut. Sie hat in den zurückliegenden fünf Jahren rund 20 Millionen Euro in Cochstedt investiert. "Für die Zukunft setzen wir vor allem auf Frachtflüge", sagt der Geschäftsführer des Flughafens, Uwe Hädicke. Der Mann ist Optimist. Er glaubt fest daran, dass sein Flughafen eines Tages gewinnbringend durchstarten wird. "Wir sind ein zartes Pflänzchen, das langsam wächst."

Derzeit beschäftigt Uwe Hädicke 67 Mitarbeiter. Sie kümmern sich um etwa fünfzig Flugbewegungen pro Woche. Meistens landen oder starten Cessnas mit Geschäftsleuten. Manchmal üben die Piloten großer Fluggesellschaften das Starten und Landen. Manchmal schickt die Automobilindustrie Charterflüge in die Luft. In den nächsten Monaten soll eine 7000 Quadratmeter große Cargo-Halle gebaut werden, eine erste mit 1000 Quadratmetern steht bereits. Jetzt fehlen nur noch die Frachtairlines. 

Nachdem ich meine Interviews mit Verkehrsminister Thomas Webel und Geschäftsführer Uwe Hädicke beendet hatte, reiste ich aus Cochstedt wieder aus. Diesmal völlig unkompliziert. Meine Wanderschuhe und ich mussten nicht noch einmal durch die Sicherheitskontrolle.

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