Liveblog Sachsen-Anhalt

Kopfgelenksblockaden Live

Von Stephan Schulz | 2. März 2015

Vor ein paar Tagen fuhr ich mit der Straßenbahn zur Arbeit, weil mein Auto nicht anspringen wollte. Es war gegen acht Uhr morgens. Die Straßenbahn war voller junger Menschen, die ihre Köpfe hängen ließen. Es sah aus, als würden sie schlafen. Aber sie schliefen nicht, sie spielten mit ihren Handys.

Ich weiß nicht genau, was diese jungen Menschen antrieb. Vielleicht posteten sie ihr Frühstück auf Facebook, vielleicht informierten sie sich über das aktuelle Weltgeschehen, vielleicht verabredeten sie sich aber auch nur mit Freunden zum Discobesuch. So ein Handy ist ja für fast alle gut. Ich bin mir deshalb auch sicher, dass einige Fahrgäste eine erotische Beziehung zu ihrem Handy pflegten. Sie hatten diesen vernebelten Gesichtsausdruck, den man von Verliebten her kennt.

Liebe 2.0 in der Straßenbahn. Ein seltsamer Anblick.

Ich musste an ein Zitat von Albert Einstein denken, das ich irgendwann einmal im Internet gelesen hatte. Es geht so: „Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die menschliche Technologie unsere menschlichen Interaktionen übertrifft. Die Welt wird eine Generation von Idioten bekommen.“

Ich sollte vielleicht an dieser Stelle erwähnen, dass auch ich zu den Idioten gehöre. Ich verbringe mehr Zeit mit meinem Handy als mit meiner Familie. Ich glaube, das Problem hat mit meinem Beruf zu tun. Von Journalisten wird ja verlangt, dass sie überall dort sind, wo was los ist. Deshalb rotten sich so viele von uns auch im Internet zusammen. Im Internet ist immer was los. Das Netz ist zu einem unerschöpflichen Themengenerator für Journalisten geworden.

Ich kenne Kollegen, die gehen nicht mehr vor die Tür, um zu recherchieren. Sie saugen sich ihre Informationen aus Facebook-Kommentaren, Blog-Einträgen und Twitter-Meldungen und bestreiten damit ein recht erfolgreiches Journalistenleben. Für mich wäre das nichts. Ich muss auch mal an die frische Luft. Allerdings habe ich in letzter Zeit immer häufiger Angst, etwas zu verpassen. So ein internetfähiges Handy funktioniert ja wie eine Raucherinsel. Wer sich der Sucht entzieht, bekommt den neuesten Tratsch und Klatsch nicht mehr mit. Deshalb suchen meine Hände auch immer wieder dieses verdammte Handy.

Neulich twitterte einer meiner Vorgesetzten den Satz: „Früher habe ich über CB-Funker geschmunzelt, heute twittere ich.“

„Früher haben die Menschen wenigstens noch miteinander geredet“, twitterte ich zurück.

„Deshalb mochte ich das auch nicht“, schrieb der Vorgesetzte.


Seine Antwort erreichte mich nach Dienstschluss in einer Cocktailbar. Es war
früher Abend und die Bar nahezu menschenleer. Nur vier Männer saßen am Tresen. Sie tippten mit gesenkten Köpfen irgendwelche Buchstabenfolgen in ihr Handy. Einer davon war ich.

Wenn das so weiter geht, leiden wir bald alle an Kopfgelenksblockaden.

Optionen

Kommentare
Klänge
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform

MDR SACHSEN-ANHALT bei Twitter