Liveblog Sachsen-Anhalt

Priester, Marxist und Poet: Ernesto Cardenal in Magdeburg Live

Von Stephan Schulz | 6. März 2015

Ernesto Cardenal ist im Alter von 90 Jahren noch einmal mit einer Mission nach Deutschland geflogen.
In Nicaragua, seinem Heimatland, soll eine Wasserstraße zwischen dem Atlantik und dem Pazifik gebaut werden, ein interozeanischer Kanal, viel tiefer und breiter als der Panamakanal. Ein Jahrhundertbauwerk für Schiffe, die mehr als 18 000 Container transportieren können.

Im Juni 2013 unterzeichneten Präsident Daniel Ortega und der chinesische Geschäftsmann Wang Jing den Vertrag über den Bau des Kanals. Seither wird der Priester, Marxist und Poet Ernesto Cardenal nicht müde, den Protest gegen die geplante Wasserstraße zu organisieren. National wie international. Mit seinem langjährigen Freund und Übersetzer Lutz Kliche und der Grupo Sal, der musikalische Stimme Lateinamerikas, reist er von Stadt zu Stadt, um den Menschen zu erzählen, was gerade vor sich geht in Nicaragua. Er hat die vage Hoffnung, das Monsterbauwerk mit der Kraft des Wortes noch stoppen zu können.

Am Donnerstagabend sitzt Ernesto Cardenal Backstage im Kulturzentrum Moritzhof in Magdeburg und isst Weintrauben und Melonen. Er wartet auf seinen Auftritt in der Elbestadt. Er ist der Revolutionär aus Nicaragua, der einst Seite an Seite mit Daniel Ortega und der Sandinistischen Befreiungsfront gegen den Somoza-Clan gekämpft und gesiegt hat, und er sieht auch heute noch wie ein Revolutionär aus. Er trägt Baskenmütze, Bauernhemd, Poncho und Jesuslatschen, so, wie er es immer getan hat. Allerdings ist sein langjähriger Weggefährte Daniel Ortega heute nicht mehr sein Freund, sondern sein Feind.


Im Alter von 90 Jahren ist Ernesto Cardenal noch einmal nach Deutschland geflogen,
 um den Protest gegen den Nicaragua-Kanal zu organisieren.

von Stephan Schulz

"Ortega treibt den Bau des Nicaragua-Kanals wie ein Diktator voran", sagt Ernesto Cardenal. Seine Stimme klingt wütend. Er erzählt, dass das geplante Bauwerk den größten Binnensee in Mittelamerika zerstören werde, den Nicaragua-See nahe der Staatsgrenze zu Costa Rica.  Das ist jener Ort, der das Leben von Ernesto Cardenal  geprägt hat. Auf dem aus 36 Inseln bestehenden Archipel des Sees gründete er in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts seine Urchristengemeinde Solentiname. Als Ort der Besinnung und der Solidarität mit den Armen wurde sie weltberühmt.

In dem Süßwassersee tummelten sich einst Bullenhaie, die seit Jahren aber nicht mehr gesichtet wurden. Nur der gewöhnliche Sägefisch soll sich ab und an noch in den Netzen der Fischer verfangen. Überfischung, Fäkalien und vieles mehr haben den Tieren ihre Lebensräume genommen. Wenn jetzt auch noch der Kanal gebaut wird, wird alles Leben im und um den Nicaragua-See herum verschwinden, warnt Ernesto Cardenal. Der chinesische Geschäftsmann Wang Jing könne schalten und walten wie er wolle und das für eine Vertragslaufzeit von 100 Jahren, sagt der 90jährige Revolutionär. "Nicaragua wird keinen einzigen Centavos an Steuern erhalten. Das ist Willkür!"

Ernesto Cardenal im Magdeburger Moritzhof
von Stephan Schulz

Später, während der musikalischen Lesung im Magdeburger Moritzhof, erzählt Ernesto Cardenal die Geschichte vom Kanalbau und seiner Liebe zum Nicaragua-See noch einmal.
Das Publikum ist angetan von dem alten Mann mit den schlohweißen Haaren. "Ich glaube, er ist ein Mann, der wirklich nach seinem Herzen und Gewissen lebt und sich für eine bessere Welt einsetzt", sagt Sabine Müller aus Magdeburg. Sie hält Ernesto Cardenal für eine lebende Legende und wollte ihn deshalb persönlich kennenlernen. Sie lässt sich ein Buch von ihm signieren. Zurückhaltender ist Falk Werner, Globetrotter und erfahrener Nicaraguareisender aus Magdeburg. Er trägt provokativ ein Daniel-Ortega-Shirt und nimmt dem Revolutionär Ernesto Cardenal nicht jedes Argument ab. "Viele Nicaraguaner wollen den Kanal", sagt er. "Ich finde, das ist eine große Chance für Nicaragua, wirtschaftlich nach vorn zu kommen. Es ist ja das zweitärmste Land der westlichen Hemisphäre und deshalb sehe ich den Kanalbau nicht ganz so kritisch wie er."

Der 300 Kilometer lange Kanal, darauf spekuliert Präsident Daniel Ortega, soll Nicaragua reich machen. Doch sein einstiger Weggefährte Ernesto Cardenal hält ihn für größenwahnsinnig. Er glaubt, dass nur der Präsident und seine Familie profitieren werden, nicht aber die Bauern und Fischer von Nicaragua, die an der Kanalroute leben und von dort vertrieben werden sollen. Deshalb will der 90jährige weiter seine Stimme erheben und gegen den Kanalbau protestieren.

Als sich Ernesto Cardenal im Magdeburger Moritzhof von seinem Publikum verabschiedet, kommen seine Wesenszüge noch einmal zum Vorschein. Er hat den gütigen Blick eines mitfühlenden Christen, in seinen Sätzen liegt Poesie und seine Stimme hat trotz seines hohen Alters noch immer etwas vom Kampfgeist eines Che Guevaras.

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