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Keine Menschenwelle bricht über Tröglitz herein

Von Tanja Ries | 1. April 2015

"Es wird keine Menschenwelle über Sie hereinbrechen" – diesen Satz von Landrat Götz Ulrich bei der Bürgerversammlung im Kultur- und Kongresszentrum Hyzet fand ich bemerkenswert. Aus meiner Sicht hat er damit die Situation zur Unterbringung von Asylbewerbern und Flüchtlingen in Tröglitz auf den Punkt gebracht. 2700 Einwohner leben in dem Ortsteil der Verbandsgemeinde Elsteraue. Ende Mai kommen 40 neue hinzu. Doch nicht alle werden sie willkommen heißen.

Bürgerversammlung zum Thema Tröglitz


Tröglitz, die ehemalige Arbeitersiedlung, entstanden in den 1930ern Jahren für die Mitarbeiter der damaligen Braunkohle-Benzin-AG. Heute gibt es viel Leerstand in den Häusern, wo sie früher einmal wohnten. Nach der Wende verloren viele hier ihren Arbeitsplatz. Jetzt sollen in elf dieser angemieteten Wohnungen insgesamt 40 neue Bewohner einziehen. Menschen, die geflohen sind vor Krieg und Verfolgung oder die einfach ihre Heimat verlassen haben, weil sie sich in Deutschland ein besseres Leben wünschen. Wer da kommt, woher sie stammen, warum sie gegangen sind – das sind Fragen, die auch an diesem Abend niemand genau beantworten kann. Der Burgendlandkreis will sich jedoch darum bemühen, dass vornehmlich Familien in Tröglitz untergebracht werden. Das sichert der Landrat zu. Offenbar macht das für viele im Auditorium einen Unterschied. 

Vor vollendete Tatsachen gestellt
Die meistgehörte Kritik an diesem Abend: Warum es diese Versammlung denn erst jetzt gebe, wo doch eh schon alles entschieden ist. Da werde man doch vor vollendete Tatsachen gestellt. Götz Ulrich erklärt darauf: Er als Landrat und der Kreistag seien von den Bürgern auch dafür gewählt worden, Entscheidungen wie die Unterbringung von Asylbewerbern zu fällen. „Das halte ich nicht für undemokratisch.“ Und: kein Bürger würde bei einer Abstimmung freiwillig für die Unterbringung von Flüchtlingen stimmen. Traurig aber wahr. Aber irgendwo müssen sie ja hin.

Viele Fragen, aber auch viele Vorurteile
Im Vorfeld der Veranstaltung frage ich Tröglitzer – zu ihren Erwartungen an den Abend und zu ihren Sorgen über die neuen Nachbarn. „Also wenn da alleinstehende Männer kommen, da bin ich schon skeptisch.“ Dieser Ausspruch eines älteren Herren ist noch von der harmloseren Sorte. Manch einer fürchtet gar, wenn „die Ausländer“ dann aber herkommen und Moscheen (in Tröglitz?) bauen wollen, also dann sei aber Schluss. Und dass die Afrikaner, also die Dunklen, dann anfangen zu dealen, das habe man ja schon in Zeitz gesehen. Diese Menschen sind keine Rechtsextremen und doch sind sie voll von Vorurteilen. Nicht nur in Tröglitz. Kurios wird es, als sich ein Franzose, der jetzt in der Elsteraue lebt, zu Wort meldet. Er berichtet davon, dass in seinem Quartier in Frankreich mittlerweile keine Franzosen sondern nur noch Araber leben. Das solle nicht auch in Tröglitz passieren. Dass das, was sie alle da sagen, fremdenfeindlich, manches sogar rassistisch ist, merken sie gar nicht. Doch genau das hat sich auch die rechtsextreme NPD vor Ort zunutze gemacht. Mal wieder.

NPD gibt sich bürgernah 
Unter den 500 Menschen im Saal ist auch Steffen Thiel, NPD Kreisrat im Burgenlandkreis. Seit Januar lud er immer sonntags zum „Lichterspaziergang“ ein. Klingt harmlos, fast schon niedlich. Dahinter verbirgt sich der monatelange  Protest mit seinesgleichen, also Rechtsextremen und Bürgern. Seite an Seite zogen sie durch den Ort. Der Steffen sei zwar in der NPD, sagte beim letzten Lichterspaziergang Mitte März der Mit-Organisator Holger Hellmann, aber der Steffen sei doch auch ein sympathischer Mensch. Zur Bürgerversammlung gibt es auch wieder diese Gemengelage. Steffen Thiel ist mit rund 30 Anhängern dort. Einer trägt ein T-Shirt mit dem NPD-Logo groß auf der Brust. Ein anderer ruft lautstark in Saal: „Warum geben wir für die Asylanten so viel Geld aus? Was soll die Scheiße?“     

Mit Zahlen und Fakten gegen die Angst?
Viele weitere kritische Fragen wurden gestellt – geprägt von Sorgen und Ängsten. Aber der Sozialneid bricht immer wieder durch. Nach dem Motto: Warum kriegen die so viel und wir so wenig? Der Landrat nennt Zahlen und Fakten. Wieviel zum Beispiel ein Asylbewerber monatlich bekommt. 337 Euro. Weniger als ein Hartz-IV-Empfänger. Er begegnet auch den anderen Vorurteilen mit Ruhe und stellt klar: Ja, es gibt auch unter den Zugereisten Kriminelle. Genauso aber auch unter der deutschen Bevölkerung. Unterstützt wird er dabei von der Integrationsbeauftragten des Landes Susi Möbbeck oder der Leiterin des Polizeireviers Burgenlandkreis Annett Wernicke. Es wird Sozialarbeiter vor Ort geben und einen Sicherheitsdienst. Auf dem Podium bemühen sie alle immer wieder auch Zahlen und Fakten. So muss beispielsweise der Burgenlandkreis in diesem Jahr voraussichtlich 650 Flüchtlinge aufnehmen. Im Haushalt stehen dafür 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. 173 Millionen Euro sind es für Sozialhilfeempfänger. 

Aber nicht nur Tröglitz, auch andere Gemeinden werden Flüchtlinge aufnehmen. So werden ebenfalls in Naumburg und Weißenfels Wohnungen angemietet. In Hohenmölsen kommen heute die ersten Flüchtlinge an. Auch hier gab es viele Aufregung im Vorfeld. Das berichtet Bürgermeister Andy Haugk in Tröglitz: „Wir können alle dagegen sein, aber am Ende kommen die Asylbewerber trotzdem, also ist es doch besser, wir nehmen das Heft des Handelns in die Hand.“ Und so haben sich Initiativen und runde Tische gegründet. Sie fühlen sich jetzt vorbereitet auf ihre neuen Nachbarn.
  
In Tröglitz braucht das vielleicht noch eine Weile. Bei der Bürgerversammlung überwiegen die Kritiker. Nur wenige plädieren während der Veranstaltung für eine Willkommenskultur. Die Mehrheit hält sich zurück. Vielleicht weil sie Angst haben? Nach dem Rücktritt von Markus Nierth, bis dahin ehrenamtlicher Bürgermeister, der sich wochenlang für die Flüchtlinge eingesetzt hatte, erhielt er Drohungen, sogar Morddrohungen per Mail und Brief. Eine Frau sagt am Mikrofon, vor diesem Hintergrund habe sie zwar gespendet für die Asylbewerber, aber anonym. Sie hat Angst vor Repressalien von rechts. Susi Möbbeck meint daraufhin, der beste Schutz gegen Bedrohung und Einschüchterung sei die gegenseitige Solidarität. 

Tröglitzer Erklärung
Einige Bürger rund um den evangelischen Pfarrer und den ehemaligen Bürgermeister haben in den vergangenen zwei Wochen eine Erklärung ausgearbeitet. Darin rufen sie dazu auf, die Asylbewerber willkommen zu heißen und ihnen freundlich gegenüber zu treten. Immerhin: noch am Abend haben rund 100 Einwohner mit Ihrer Unterschrift ihre Unterstützung zugesagt, wenn die Asylbewerber ab Ende Mai nach Tröglitz kommen.

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