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Angst Trotz Tröglitz

Von Tanja Ries | 21. April 2015

Einen Moment unserer Dreharbeiten in und um Tröglitz in den vergangenen zweieinhalb Wochen werde ich so schnell nicht vergessen. Ich bin mit meinem Kamerateam in Rehmsdorf - nur wenige Kilometer von Tröglitz entfernt. Hier befand sich eine  Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald. Am Wochenende zuvor wurde in Weimar der Befreiung des KZ vor 70 Jahren gedacht. Einen Tag später kommt ein älterer Herr zu den ehemaligen Baracken in Rehsmdorf, .Heinrich Bukspan,  91, gebürtig aus Krakau. Jude. Er war als Jugendlicher inhaftiert in Rehmsdorf und er erzählt, dass er bei Tröglitz auf den Feldern unter Lebensgefahr Bomben ausgraben musste. Vermutlich kann ich nicht einmal im Entferntesten erahnen, was er hier damals erlitten hat und was es bedeutet nun wieder hier zu stehen. Mittlerweile gehören die Baracken, in denen damals jeweils 600 Menschen eingepfercht wurden, ohne Toiletten und Duschen, zu der Gedenkstätte in Rehmsdorf.

Heinrich Bukspan war Gefangener der KZ-Buchenwald-Außenstelle Rehmsdorf
von Tanja Ries

KZ-Überlebender und der Brandanschlag


Und dann bricht es aus Heinrich Bukspan heraus. Er spricht den Brandanschlag von Tröglitz an. Er schluchzt und kann es nicht fassen. Ein sehr ergreifender Moment. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Heinrich Bukspan lebt heute mit seiner Familie in München. Er wurde gequält, erniedrigt, unterdrückt, weil er anders war, weil er Jude war. Aber er hat es überlebt. 6 Millionen andere nicht. Wie können wir diesem Mann also jetzt den Brandanschlag auf die künftige Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz erklären? Volker Bachmann, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte, versucht es. Er sagt, es seien ja nicht alle so und sie seien nicht in der Mehrheit. Ein fast schon hilfloser Versuch. Und stimmt das denn? Wir wollen während unserer Dreharbeiten versuchen, auch das herauszufinden. Die Szene mit Heinrich Bukspan hat es leider nicht in unseren 30 Minuten langen Film geschafft. Wir haben dabei noch so viele weitere Aspekte beleuchtet, dass am Ende keine Zeit mehr dafür war.

von Tanja Ries

Gebrandmarkte Tröglitzer?

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft wir seit dem Brandanschlag in Tröglitz waren. Ich weiß aber, dass es zunehmend schwieriger wurde, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie fühlen sich gebrandmarkt - im wahrsten Sinne des Wortes. Schon wieder Presserummel, an jeder Ecke Kamera-Teams. Viele wollen nichts mehr sagen. Aber wir dürfen zum Treffen des Seniorenclubs. An diesem Donnerstag ist es nicht wie sonst. Heftig diskutieren sie. Die einen mehr, andere weniger. Was sie wohl denken, frage ich mich. Die etwa 20 Damen spiegeln die Stimmung in der Gemeinde, in der die Unterbringung von 40 Asylsuchenden zur Zerreißprobe geworden ist. Die resolute Vorsitzende Ilona Franke will mit ihren Frauen ein Willkommensfest organisieren, wenn die Asylsuchenden dann da sind. Aber ich spüre hier auch Angst und Verunsicherung.
Der Ort, so scheint mir schon nach kurzem Zuhören, ist zerrissen, zerstritten, ratlos - mehr denn je. Auch Katharina Schubert erzählt mir das. Sie wohnt direkt gegenüber von dem Brandhaus. Sie ist Vertriebene aus Schlesien. 1946 kam sie als Kind nach Tröglitz. Mittlerweile ist es ihre zweite Heimat. Gerade deshalb befremdet sie, wer alles bei den Protesten gegen die Asylbewerber dabei war.

Katharina Schubert:

Vielleicht haben sie jetzt auch ein schlechtes Gewissen, die da mitgelaufen sind. Wenn die Nazis - oh die NPD - eine Kundgebung anmeldet und wenn die dann mit denen mitlaufen und damit sagen, dass sie gegen Ayslanten sind, dann brauchen sie sich nicht wundern, wenn sie auch als Nazis bezeichnet werden.

Ich denke ähnlich, denn ich hab es selbst erlebt. Fast drei Monate fanden die so genannten Lichterspaziergänge statt. Angemeldet von Steffen Thiel. Ich treffe ihn zum Interview. Er schlägt dafür den Park von Tröglitz vor. Während des Interviews werden auch wir die ganze Zeit gefilmt. Misstrauen vor der Lügenpresse? So wird versucht, Druck aufzubauen. Thiel der gebürtige Tröglitzer, seit 15 Jahren in der rechtsextremen NPD, will seine Heimat - nach eigenen Worten - vor Überfremdung  schützen. Fast unscheinbar und harmlos kommt er daher.

In Schiebermütze und Sweatshirt mit der Aufschrift „Kein Krieg“ darunter die weiße Friedenstaube. Der nette Nazi von nebenan? Mit sieben anderen Tröglitzern, hat er sich die Spaziergänge ausgedacht. Knackpunkt war die Anmeldung. Thiel erzählt: "Da hatte sich keiner gefunden, ich hab gesagt, ich mach das, aber ihr wisst, ich bin im Kreistag für die NPD, aber das war den anderen egal."

Beim letzten Lichterspaziergang Mitte März beschwert sich Mitorganisator Holger Hellmann, es sei doch immer alles friedlich geblieben. Keine Gewalt ging von den Demonstranten aus. Und: „Wir sind keine Nazis“. Das vielleicht nicht. Aber harmlos waren diese Lichterspaziergänge bei weitem nicht. Unter den Teilnehmern auch ein Thüringer Rechtsextremist. Ich stehe neben ihm, als er von "begattungsfreudigen Afrikanern" spricht. Auch der Vorsitzende der NPD-Kreistagsfraktion im Burgenlandkreis ist da. Verurteilt wegen volksverhetzender Texte. Holocaust-Leugner.  An jenem Abend hat er Redeverbot, also lässt er seine Rede vorlesen. Darin echauffiert er sich über den angeblichen Vorschlag, „den armen, notgeilen Asylanten sogar noch die Flatrate im Bordell zukommen zu lassen." Das Publikum johlt - Neonazis und Rechtsextreme, aber eben auch Tröglitzer manche noch mit ihren Kindern.

KZ-Buchenwald-Außenstelle Rehmsdorf
von Tanja Ries

Zwischen Pegida und Wohnzimmerrassismus

Thomas Kliche, Politpsychologe und Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal meint, Pegida habe auch dafür den Nährboden bereitet: "Die Neonazis haben zunehmend durchs Internet einen gut organisierten Reisekader, der auch bei Pegida sehr aktiv ist und der auch in Tröglitz da war. Und damit kann man vor Ort auch immer eine Stimmung erzeugen, das bestimmte Meinungen scheinbar salonfähig sind. Und diejenigen, die das im Wohnzimmer sonst hinter vorgehaltener Hand reden, auch rausholen." Ich glaube, dass es in Tröglitz so gelaufen ist, war auch ein Stück weit Zufall. Wäre Steffen Thiel aus Eckhardtsberga oder Hohenmölsen gewesen, hätte es auch dort so laufen können.

Den Unmut bekommt mehr denn je auch der ehemalige Tröglitzer Bürgermeister Markus Nierth zu spüren. Neonazis wollten vor seinem Haus demonstrieren. Er bat die Behörden, das zu unterbinden. Als dies ausblieb, trat er zum Schutz seiner Familie zurück. Mittlerweile machen IHN viele gar für das verantwortlich, was passiert ist.

Nierth:
 
Manche machen das. das geht sicherlich von den ehemaligen "friedlichen" Demonstranten aus. Vielleicht auch andere. Das kann ich schlecht sagen. Wir haben auch 'ne große Unterstützungswelle. Auch viele Leute, die uns ermutigen.  Aber es ist schon sehr ulkig, dass manche Leute meinen, ich hätte die Klappe halten müssen. Dann wäre das alles nicht so gekommen und die merken gar nicht, wer eigentlich den Stunk gemacht hat.

Tröglitz - ein braunes Dorf?

Oft höre ich während unserer Dreharbeiten die Klage, das Tröglitz nun in den Medien das braune Dorf sei. Und ich entgegne jedes Mal, dass das nicht stimmt. Ich denke durchaus, dass viele Journalisten differenziert berichtet haben. Dass sie gesagt oder geschrieben haben, dass es EINIGE sind, die da mitgelaufen sind. Dass unter den Asyl-Gegner und an der Seite von Rechtsextremen AUCH Tröglitzer waren. Warum kommt das bei vielen nicht an? Warum fühlen sie sich über einen Kamm geschert mit den Spaziergängern? Ist es das schlechte Gewissen?  Was ist denn mit der viel zitierten schweigenden Mehrheit? In Tröglitz und anderswo? Experte Kliche macht eine "Mitläuferkultur" aus: Diese führe dazu, „dass Leute mit relativ gutem Gewissen zu Haus bleiben und denken: geht mich nichts an, lass die mal machen. Und das ist in der Tat dann nicht nur moralisch unappetitlich, sondern etwas, das auch politisches Gewicht haben kann.“ Doch das wollen sie, so scheint es mir, nicht hören.

In unserer 30-minütigen Reportage zeigen wir auch, dass es das schon immer gab. 1992 zum Beispiel in Quedlinburg, als eine wütende Menge Molotow-Cocktails und Steine auf ein Asylbewerberheim wirft.  In unserem Archiv finden wir 23 Jahre alte Töne von Einwohnern. Die Argumente klingen erschreckend ähnlich zu heute:

"Die Ausländer kommen hier her, kriegen 10 Mark am Tag, die gehen in die Kaufhalle und hauen die Körbe voll und dann hauen sie ab."

"Die Ausländer kosten uns Geld, wir zahlen Steuern und die kriegen alles.“

"Wir wollen, dass die Ausländer wegkommen - warum - weil die uns die Jobs wegnehmen."

Damals wurden die Asylbewerber aus Quedlinburg weggebracht.

Kein Einknicken in Tröglitz

Zurück nach Tröglitz. Christiane Burkhardt engagiert sich in der Initiative, die die neuen Bewohner willkommen heißen will. Doch ein Treffen der Initiative dürfen wir nicht drehen. Immerhin: Christiane Burkhardt erklärt sich irgendwann zum Interview bereit und sie beschreibt die Stimmung im Ort:

Wir haben auch ganz viele Bürger, die sich falsch verstanden fühlen. Die ganz erschrocken sind, wie das Ganze nach außen jetzt dargestellt wird. Ich hoffe, wir kommen irgendwann noch mal zu einer Normalität zurück. Aber im Moment ist es halt alles irgendwie Durcheinander.

Von Normalität ist das Dorf noch weit entfernt. Sie wollen jetzt ihre Ruhe. Natürlich auch nachvollziehbar. Ich hoffe nur, sie werden das nutzen, um eine breitere, auch öffentlich wahrnehmbare Basis zu haben, wenn die Asylsuchenden nach Tröglitz kommen. Am Ende unserer Dreharbeiten ist noch unklar, wo die Asylbewerber überhaupt untergebracht werden sollen. Auch ist offen, wann sie kommen und wer überhaupt. Nur dass sie kommen.

Ist Tröglitz überall?

In Eckhardtsberga gibt es sie schon. Seit vergangenem Oktober. Auch hier gab es ähnliche Vorbehalte. Und es gibt sie noch. Bei unseren Dreharbeiten erfahren wir auch, dass es kaum Berührungspunkte zwischen denen da oben (den Asylsuchenden) und denen unten (im Dorf) gibt. Auch hier werden Vorurteile und/oder Neid verpackt in Sorgen und Ängste.

Tröglitz ist überall, hatte Ministerpräsident Reiner Haseloff unmittelbar nach dem Brandanschlag gesagt. Er wollte damit wohl ausdrücken, dass Tröglitz kein Einzelfall und auch nicht nur auf den Osten beschränkt ist. Wir waren in den vergangenen zwei Wochen mit fünf Reportern an verschiedenen Orten unterwegs, auch im fränkischen Vorra, wo im Dezember ebenfalls geplante Asylbewerberunterkünfte brannten. Wir wollten auch diese These hinterfragen. Womöglich war sie auch als Trost gemeint oder als Rechtfertigung - gerade auch für Tröglitz, das jetzt so im Fokus der Aufmerksamkeit stand. Aber mal ehrlich: macht es das besser?

Exakt – Die Story „Angst Trotz Tröglitz“ am 22.04.2015 um 20:45 Uhr im MDR-Fernsehen.

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