Liveblog Sachsen-Anhalt

"Stress gibt Farbe" - Wladimir Kaminer über Flüchtlinge und Fremdenangst Live

Von Stephan Schulz | 8. September 2015


Seit Jahren nehme ich mir vor, zur Russendisko nach Berlin zu fahren. Doch ich habe es nie ins Kaffee Burger geschafft, wo der Schriftsteller Wladimir Kaminer regelmäßig die Tanzfläche zum Glühen bringt. Dafür habe ich aber alle seine Bücher gelesen, angefangen von "Es gab keinen Sex im Sozialismus" über "Küche totalitär" bis hin zu "Coole Eltern leben länger".


Ich liebe die urkomischen Geschichten von Wladimir Kaminer, und seit Samstag liebe ich auch seine Russendisko. Ich musste für diese Liebe nicht einmal meine Heimatstadt verlassen. Der Schriftsteller legte an diesem Tag in der Sudenburger Markthalle in Magdeburg auf. Nadine Staats vom Musikkombinat hatte ihn als DJ der ersten Mageburger Russendisko verpflichtet. Es war gegen 22 Uhr, als Wladimir Kaminer mit einem Stoffbeutel am rechten Handgelenk den Veranstaltungssaal betrat. Es sah aus, als suche er einen Getränkeshop. In Wirklichkeit steuerte er jedoch das DJ-Pult an.


Noch vor Beginn der Russendisko konnte ich ihn in einer Abstellkammer, offiziell der Backstage-Raum, interviewen. Wladimir Kaminer saß auf einem ranzigen Sofa und trank Sekt und Wasser. Eine zur Lampe umfunktionierte, altertümliche Fön-Haube hatte ihn in ein warmes, gelbes Licht getaucht. Er sah fast aus wie ein Heiliger. Ich setzte mich auf das Sofa neben ihm und fragte, warum er nach siebzehn Jahren Russendisko noch immer als DJ unterwegs sei. "Das ist eine Art Sport, ein guter Ausgleich zum Schriftstellerjob", antwortete Kaminer. "Man bewegt sich viel, tanzt und erlebt die schönsten Emotionen."


Krisseliges Foto, cooler Typ: Wladimir Kaminer in Magdeburg
von Stephan Schulz


Im Verlauf unseres Gesprächs kamen wir auf die Flüchtlinge zu sprechen, die derzeit nach Europa kommen. Kaminer findet, dass es zwei uralte Strategien gibt, Fremden zu begegnen. "Du kannst gastfreundlich und höflich sein, den Fremden anlächeln und damit signalisieren: Ich tue dir nichts, tue mir auch nichts. Oder Du reagierst aggressiv und versuchst damit, den Fremden einzuschüchtern, ihn zu verjagen." Beide Überlebensstrategien sieht Wladimir Kaminer derzeit auch in Deutschland. "Das bestätigt meine Theorie, dass wir nicht vom gleichen Affen abstammen." Der Schriftsteller selbst mag die Wanderbewegung der Flüchtlinge. "Ich finde, Stress gibt Farbe. Im Grunde sind diese Ereignisse alles Folgen von abgerissenen Zäunen und Mauern des vorigen Jahrhunderts. Das ist wie ein Sog. Mit den Grenzen verschwinden die Staaten, die sich als Fehler erwiesen haben."


Kaminer weiß, wovon er redet. Als die Sowjetunion von der Landkarte verschwand, kam Kaminer als jüdischer Kontingent-Flüchtling nach Ost-Berlin. Er lebte im Ausländerwohnheim in Marzahn und schrieb auf, was er erlebte. Er beobachtete die deutschen Sitten, Gebräuche und auch die Sprache und wurde ein erfolgreicher Schriftsteller.


Ich musste an eine seiner frühen Geschichten denken, als wir uns über die Ängste der Menschen vor Flüchtlingen unterhielten. Die Geschichte handelt von seinem Freund und Namensvetter Wladimir, der ein auf der Autobahn überfahrendes Wildschwein in den vierten Stock eines Berliner Wohnhauses zerrt. Als er anschließend im Treppenhaus das Blut aufwischt, wird er von einem Sondereinsatzkommando der Polizei überwältigt. Aufmerksame deutsche Nachbarn hatten die Beamten alarmiert, weil sie glaubten, Wladimir habe seine Frau gemeuchelt.


Es mag übertrieben sein, aber ich finde, die Geschichte symbolisiert ganz gut die Angst vor Ausländern. Der Fremde steht oft unter Generalverdacht. Wladimir Kaminer kennt das Phänomen nur zu gut. Man könne es derzeit in ganz Europa beobachten. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er: "Die Europäische Union ist groß, reich und stark, hat aber das Selbstbewusstsein eines kleinen Kindes. Eine halbe Milliarde Einwohner muss sich nicht wegen einer halben Million Flüchtlinge in die Hose machen."


Später auf der Tanzfläche, ging mir das Gespräch mit Wladimir Kaminer noch einmal durch den Kopf. Ich musste an die 800.000 Flüchtlinge denken, die in diesem Jahr nach Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern kommen sollen. Sind das im Verhältnis gesehen wirklich viele Flüchtlinge? Ich schaute mich in der Sudenburger Markthalle um. Etwa 80 Gäste zappelten zu den Russenbeats von Wladimir Kaminer. Irgendwann stellte sich eine Chinesin mit auf die Tanzfläche. Die Tanzfläche wirkte dadurch nicht voller...


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