Liveblog Sachsen-Anhalt

Eine Lutherkiste für die Kanzlerin Live

Von Stephan Schulz | 10. September 2015


Immer wenn ich Angela Merkel im Fernsehen sehe, frage ich mich, wer ihre farbintensiven Blazer näht. Ich habe gerade gegoogelt, konnte aber keinen passenden Schneider finden. Gestern Abend lief mir die Bundeskanzlerin in Berlin in einem türkisblauen Blazer persönlich über den Weg. Sie leuchtete schon von weitem. Angela Merkel eröffnete die diesjährige Kultursommernacht der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in Berlin. Früher kannten die Berliner das Gebäude unter dem Namen Möwe. In dem ehemaligen Künstlerklub gingen Stars und Sternchen der Showbranche ein und aus: Hans Albers, Sophia Loren, Manfred Krug und viele mehr. Heute sind es vor allem Politiker, die die Luisenstraße 18 ansteuern.


Dicht bedrängt von den Fotografen: Angela Merkel in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt
von Stephan Schulz


Bei der Kultursommernacht gestern Abend erkannte ich trotzdem eine Künstlerin: die gelernte Damenmaßschneiderin und Sängerin Petra Zieger. Ob sie heimlich die Blazer für Angela Merkel näht? Ich hätte sie fragen können, war aber abgelenkt. Ich stand mit zwei befreundeten Journalisten, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Waldorf und Statler aus der Muppetshow haben – sie finden immer etwas zum Meckern - an einem wackeligen Stehtisch. Wir unterhielten uns über Angela Merkel, die in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt komödiantische Fähigkeiten bewies. Während ihrer Eröffnungsrede nahm sie etwa den Slogan der Kultursommernacht aufs Korn. Der Slogan lautete: „Faszination Natururlaub im Kulturland Sachsen-Anhalt“. Merkel dazu: „Ich hoffe, Sie können das nach ein paar Schlucken Rotkäppchen und Saale-Unstrut-Wein noch aussprechen.“ Solche Sätze amüsierten die 1000 Gäste. Zu aktuellen politischen Ereignissen äußerte sich die Kanzlerin nicht, stattdessen pries sie Sachsen-Anhalt als Urlaubsland an - nicht ohne Wortwitz: „Bei Sachsen-Anhalt fällt mir die Elbe ein, da ist ja nicht immer Hochwasser“, sagte sie. Dann empfahl sie den Gästen der Kultursommernacht, die Straße der Romanik entlangzufahren und die Weltkulturerbestadt Quedlinburg zu besuchen. Sie kam auch auf die Frühaufsteherkampagne zu sprechen, die Touristen besser nicht für bare Münze nehmen sollten. „Sie können auch ausschlafen, die Sachsen-Anhalter sind da durchaus tolerant.


Bundeskanzlerin Angela Merkel erhielt als Gastgeschenk eine Lutherkiste.
von Stephan Schulz


Trotz Terminstress blieb Angela Merkel eine gute halbe Stunde in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt – immer auf Tuchfühlung mit Ministerpräsident Reiner Haseloff, der sich über die lobenden Worte der Kanzlerin sichtlich freute. Er hatte ihr zur Begrüßung  eine Lutherkiste überreicht -  gefüllt mit Lutherbier, Luther-Knacker und einem Apfel-Salbei-Fruchtaufstrich. Mit solchen Kisten will Sachsen-Anhalt für das Reformationsjubiläum 2017 werben.

 
Später am Abend, als die Kanzlerin längst gegangen war und sich die Gäste nur noch Handyfotos von ihr und ihrem türkisblauen Blazer anschauten, saß Ministerpräsident Haseloff im Bundesrat und versuchte mit seinen Länderkollegen den andauernden Streit im Länderfinanzausgleich beizulegen. Doch die Verhandlungen wurden abgebrochen. Auf der Kultursommernacht wurde kolportiert, dass Sachsen-Anhalt daran nicht ganz unschuldig gewesen sei. Ministerpräsident Haseloff hatte sich einem Kompromissvorschlag der unionsgeführten Länder Bayern, Hessen, dem Saarland und Sachsen angeschlossen, der sich zu Gunsten der ostdeutschen Bundesländer auswirken sollte. Aus dem Umfeld von Sachsen-Anhalts Finanzminister Bullerjahn hieß es hingegen, dass Ministerpräsident Haseloff mit den falschen Zahlen gerechnet hätte. Sachsen-Anhalt könnte so bis zu 60 Millionen Euro aus dem Länderfinanzausgleich weniger erhalten. Als ich Finanzminister Bullerjahn darauf ansprach, sagte er: „Lassen Sie mich damit bloß in Ruhe.“ Bullerjahn schien wütend auf Haseloff zu sein. Er gönnte sich erstmal einen Schierker Feuerstein.


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