Liveblog Sachsen-Anhalt

Trümpers Blutgrätsche Live

Von Stephan Schulz | 16. Oktober 2015


Am Mittwochmorgen telefonierten Katrin Budde und Lutz Trümper noch einmal miteinander. Beide spielten zu diesem Zeitpunkt noch in derselben Mannschaft, in der SPD. Budde war der Kapitän und ahnte nicht, dass Trümper mitten im Landtagswahlkampf eine Blutgrätsche plante, von der sie sich so schnell nicht erholen dürfte. Dabei spielte Magdeburgs Oberbürgermeister schon seit Wochen intensiv mit dem Gedanken, die SPD zu verlassen.


Trümper muss keine Politikkarriere mehr machen. Er wird noch sieben Jahre in seinem Bürgermeisteramt bleiben und anschließend weich fallen – in den Ruhestand. Deswegen spricht er vermutlich auch aus, was er denkt. Er hat nichts zu verlieren. Für Katrin Budde ist das Leben komplizierter. Sie muss für die SPD einen erfolgreichen Landtagswahlkampf bestreiten und die Wähler mobilisieren, wenn sie nach der Wahl im März 2016 nicht ausgewechselt werden will.


Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper hat die SPD mitten im Wahlkampf verlassen.
von Stephan Schulz

„Ich will Dir nicht schaden“, sagte Trümper, als er mit Budde telefonierte. Der Satz muss in den Ohren der SPD-Spitzenkandidatin im Nachhinein wie Hohn klingen. Am Mittwochmorgen will Budde aber nichts Schlimmes geahnt haben, auch nicht, als Trümper sagte:  „Ich kann mich nicht in die Ecke setzen und meinen Mund halten.

 
Gegen 7.05 Uhr beendeten Budde und Trümper ihr Telefonat. So sagt es Magdeburgs Oberbürgermeister. Anschließend stieg Trümper in sein Auto und ließ sich zum Rathaus fahren. Dort setzte er sich an seinen Schreibtisch und verfasste einen Brief, in dem es sinngemäß heißt: Ich, Dr. Lutz Trümper, trete nach 25 Jahren aus der SPD aus… Trümper gab den Brief persönlich in der Parteizentrale ab.


Auslöser für diesen Schritt war eine Pressemitteilung der SPD. Darin wird Ministerpräsident Haseloff scharf kritisiert. Er hatte sich für eine Obergrenze bei der Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen. Seine „Das-Boot-ist-voll-Rhetorik“ missfiel SPD-Chefin Budde: „Ich sage ganz deutlich: Entweder wir stehen als Koalitionsparteien gemeinsam dazu, die Aufgabe der Flüchtlingsunterbringung in dieser Dimension zu bewältigen, oder es gibt keine Grundlage dafür, den Nachtragshaushalt zu verabschieden.“ Als Trümper diesen Satz in der Pressemitteilung der SPD las, dachte er an Erpressung:  „Wie kann man denn damit drohen, dem Nachtragshaushalt nicht zuzustimmen? Die Kommunen brauchen das Geld, um die Flüchtlinge unterzubringen. Diese Pressemitteilung war eine völlige Fehlleistung.


Trümper wollte seine Verärgerung nicht für sich behalten. Er bezeichnete die Flüchtlingspolitik der SPD öffentlich als „realitätsfern“. In einer Runde mit Kommunalpolitikern am Dienstagabend kam dann die Retourkutsche von Budde. Sie wies den Oberbürgermeister von Magdeburg unmissverständlich darauf hin, dass er mit seinen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik der SPD und ihr als Spitzenkandidatin schade.


Von Trümper hätte man erwarten können, dass er den Streit mit Mannschaftskapitän Budde aushält. Doch er lief grußlos vom Spielfeld. Er schmollte, weil er nicht zum ersten Mal angezählt wurde.

 
Als Budde zur Spitzenkandidatin der SPD für die Landtagswahl gewählt wurde, trat Trümper ans Mikrofon und riet ihr, sich für ihr Wahlkampfteam einen kompetenten Experten für Wirtschaftspolitik zu suchen. Budde war mal Wirtschaftsministerin. Aber Trümper hatte sie nicht gemeint. „Meine Äußerung ist als Majestätsbeleidigung aufgenommen wurden“, sagt Trümper.  „Schon damals hieß es, ich würde der Partei schaden. Ich frage mich, was aus der SPD geworden ist, wenn man nicht einmal mehr ehrlich seine Meinung sagen kann.


Trümpers Blutgrätsche dürfte Katrin Budde noch schwer zu schaffen machen. Zumal sie einen politischen Zick-Zack-Kurs läuft, der nicht unumstritten ist. Sie kuschelt mit den Linken, lässt sich aber alle Optionen mit der CDU offen. Wie sollen sich die Wähler da zurechtfinden? Magdeburgs Oberbürgermeister Trümper sagt, er könne "Katrin" privat gut leiden. Der Satz lässt viel Raum für Interpretationen.


Im Interview erzählt Lutz Trümper, warum er der SPD den Rücken gekehrt hat.  
von Stephan Schulz


In den Kommentarspalten des Internets wird Trümper vor allem dafür gefeiert, dass er aus der SPD ausgetreten ist. Er gilt nun als „ein Mann mit Eiern“, wie ein Herr Otto auf mdr.de schreibt. Es ist nicht ganz klar, ob Trümper das als schmeichelhaft oder peinlich empfindet.


Am Tag nach seinem Austritt aus der SPD steht er im MDR Landesfunkhaus im „Orchestergraben“ und sagt sicherheitshalber: „Ich habe definitiv keine extremen Positionen. Ich bin aber der Auffassung, dass alle, die glauben, dass man jährlich 30.000 Flüchtlinge in vernünftigen Wohnungen unterbringen kann, völlige Tagträumer sind.


Trümper hat gerade einen Auftritt bei „MDR um 11“ hinter sich gebracht. Sein Gesicht ist noch mit Schminke zugekleistert. Er wirkt ruhig, brodelt aber innerlich. Am Vorabend liefen tausende AfD-Anhänger und tausende Gegendemonstranten durch seine Innenstadt. Ausgerechnet an dem Tag, als er sein SPD-Parteibuch abgab. Trümper weiß, dass es Leute gibt, die ihm nun rechte Tendenzen unterstellen und holt zum Gegenschlag aus. Er adressiert ihn an den Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei, Wulf Gallert, und an Sören Herbst von den Grünen.  „Diese beiden Herren halten jeden für rechts, der sich kritisch äußert. Sie merken gar nicht, dass sie mit ihren Äußerungen die Leute auf die Straße treiben.“ Wenige Sätze später erklärt er, warum es mit den Flüchtlingen so nicht weitergehen könne. „Meine Mitarbeiter erzählen mir jeden Tag die Storys speziell aus Halberstadt. Die Asylbewerber dort denken, sie kriegen alles ganz schnell – Wohnung, Arbeit und die Familie kann auch noch nachgeholt werden. Die werden sich aber noch erschrecken, denn die vielen Versprechen werden sich nicht umsetzen lassen und das wird Frust erzeugen.


Trümper versucht sich in Weltpolitik. Er sagt: „Wir müssen uns nicht wundern, dass so viele Menschen nach Europa wollen, solange mit amerikanischen und deutschen Waffen Kriege geführt werden. Doch wir können hier nicht jeden aufnehmen, wir müssen endlich vor Ort helfen.“ Außerdem findet er, dass in unserer Konsumgesellschaft einiges schief läuft: „Wir schauen zu, wie Frauen und Kinder in Bangladesch für wenige Cent am Tag arbeiten und die Sachen in Europa teuer verkauft werden. Das kann doch nicht sein.“ Im nächsten Moment ist Magdeburgs Obermeister wieder bei den Flüchtlingen, die zu viel Geld kosten würden. Trümper sagt es nicht deutlich, aber er ist dafür, dass man die EU-Außengrenzen dicht macht. Gleichzeitig will er, dass Hilfsorganisationen den Menschen in den Krisenländern helfen.


Als Trümper das MDR-Funkhaus verlässt, vergisst er, sich abschminken zu lassen.

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