Liveblog Sachsen-Anhalt

Die Welt in Bonbonfarben Live

Von Stephan Schulz | 12. Januar 2016

Als ich im Dezember nach Berlin fuhr, um den US-Fotografen Steve McCurry zu interviewen, musste ich an die Zeit zurückdenken, als ich selbst noch mit der Kamera unterwegs war.
Es war Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich fotografierte Kaninchenzüchter, Kommunalpolitiker und Skinheads, die auf einem Zeltplatz in Gerwisch von Polizisten verhaftet wurden. Mit einem dieses Skinhead-Fotos schaffte ich es in die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Steve McCurry schaffte es mit seinem Foto von dem afghanischen Mädchen mit den grünen Augen auf die Titelseite der National Geographic. Uns trennen Welten.

Steve McCurry signiert seinen neuen Bildband "Indien".
von Stephan Schulz

Er ist der Profi, ich der Amateur, der Groupie, der vor Aufregung schweißnasse Hände bekam, als er sein Idol traf. Ich hatte immer gedacht, Steve McCurry sei ein großer, kräftiger Mann. Tatsächlich konnte ich ihm von oben auf die Glatze gucken, als wir durch das Amerika-Haus in Berlin schlenderten und uns eine Ausstellung von Anton Corbijn anschauten. Der niederländische Fotograf hat die Rolling Stones, Depeche Mode, Nick Cave, David Bowie und viele andere Musiker abgelichtet. Er ist eine Ikone der Schwarz-Weiß-Fotografie. Steve McCurry hingegen fotografiert Armut in quietschbunten Farben. Das ist sein Markenzeichen.

Steve McCurry in der Anton-Corbijn-Ausstellung im Amerika-Haus Berlin
von Stephan Schulz

Ich interviewte den 65jährigen in einem tristen Konferenzraum.
Vor uns auf dem Tisch lagen dicke Bildbände mit beeindruckenden Porträtaufnahmen aus Indien: Eine Bettlerin, die bei Regen scheu an ein Autofenster klopft. Ein als Shiva verkleidetes Kind, das um Almosen bittet. Menschen, die nach dem Monsun bis zum Hals im Wasser stehen. Alles wirkte schön und lebendig. Steve McCurry signierte seine neuen Bildbände mit der linken Hand. Dabei erzählte er von einer 90jährigen Inderin, die er fotografierte. "Sie ging sehr gekrümmt. Bereits mit zwölf Jahren ist sie Witwe geworden. Ihre Familie verbannte sie, weil ihr Ehemann gestorben ist. Das gilt in Indien als Schande, als schlechtes Karma. Die Frau musste betteln, um zu überleben. Sie bewahrte sich jedoch ihre Lebensfreude, blieb immer optimistisch." Das hat Steve McCurry sehr beeindruckt. Er hat die Frau nie vergessen.

Steve McCurry war mit seiner Kamera schon in nahezu allen Ländern unterwegs. Weltberühmt wurde er mit den Fotos, die er während der Zeit der sowjetischen Besatzung in Afghanistan machte. Seitdem berichtet er immer wieder aus Krisenregionen. Er war im Golfkrieg dabei. Er fotografierte in Kambodscha, Beirut, Jugoslawien, Peru und Tibet.  Er ist kein Kriegsfotograf, der mit Soldaten unterwegs ist. Er steht mit seiner Kamera im Hinterland und zeigt die Gesichter der Menschen, die von Armut und Krieg betroffen sind in Bonbonfarben. In diesem Jahr will Steve McCurry in den Iran reisen, neben Madagaskar eines der wenigen Länder, die er noch nicht gesehen hat. Er erzählte mir, dass es für ihn als US-Amerikaner gar nicht so einfach sei, die nötigen Einreisepapiere zu bekommen. Politik kann so schwarz-weiß sein.

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