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Zerfällt Europa? Live

Von Stephan Schulz | 15. Januar 2016

Wenn ich an Europa denke, denke ich an ein Haus, das vom Giebel bis zum Fundament mit Rissen übersät ist. Man muss kein Statiker sein, um zu sehen, dass es einsturzgefährdet ist.

Das sieht auch Martin Schulz so, der EU-Parlamentspräsident. Normalerweise trifft sich der SPD-Politiker mit Staats- und Regierungschefs. Am Vormittag kam er jedoch nach Magdeburg, um einen Gastvortrag an Otto-von-Guericke Universität zur aktuellen Lage der Europäischen Union zu halten.

SPD-Fraktionschefin Katrin Budde holte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz nach Magdeburg.
von Stephan Schulz

Schon weit vor Beginn der Veranstaltung drängten die Studenten in den Hörsaal. Es waren Hunderte. Jeder Platz war belegt. Ich setzte mich neben dem Rednerpult auf den Fußboden. Irgendwann kam Martin Schulz. Er hielt eine anderthalbstündige Rede. Ohne Manuskript. Seine Botschaft: Europa steht an einem Scheideweg.

Die 28 Mitgliedsstaaten würden derzeit vor allem gegeneinander als miteinander arbeiten. Martin Schulz machte das an der Flüchtlingsdebatte fest. „Wir haben eine Krise, die von Mitgliedsstaaten verursacht wird, die aus rein nationalen Erwägungen heraus sagen, wir nehmen keine Flüchtlinge auf. Deshalb kann ich nur noch einmal an die 507 Millionen Einwohner in Europa appellieren, ihren Beitrag zu leisten, denn dann hätten wir kein Problem.

Doch so solidarisch ist Europa nicht. Gerade mal sechs Länder seien bereit, Flüchtlinge aufzunehmen, sagte der EU-Parlamentspräsident. Das überfordere Länder wie Deutschland, Österreich, Schweden und Belgien. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber es ist tatsächlich so, dass die EU auseinanderbrechen kann.

Hunderte Studenten kamen zum Gastvortrag von Martin Schulz
von Stephan Schulz

Martin Schulz hält nichts davon, Zäune zu errichten, die Grenzen dicht zu machen. „Das ist der Geist der Leute, die für alles einen Sündenbock haben. Aber wenn man sie nach Lösungen fragt, haben sie keine.“ Gleichzeitig betonte er, dass man die Ängste der Bevölkerung vor Zuwanderung ernst nehmen müsse. Zur Silvesternacht in Köln sagte er: „Man muss den jungen Männern sagen, was ihr an Schaden für 95 Prozent der Flüchtlinge wegen eurer Dreckigkeiten angerichtet habt, das ist absolut nicht akzeptabel.

Für Martin Schulz steht fest: Europa hat viel Vertrauen in der Bevölkerung verloren und muss reformiert werden. „Wir brauchen in vielen Ländern der EU einen nachhaltigen Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Es kann auch nicht sein, dass die kleinen Leute die Steuer zahlen und die großen Konzerne nichts.“ Europa habe nur eine Chance, wenn die Leute wieder Vertrauen gewinnen, sagte der EU-Parlamentspräsident.

Für seinen Vortrag erhielt Martin Schulz tosenden Applaus. Und die Italienerin am Cappuccino-Stand vor dem Hörsaal machte vor und nach der Veranstaltung Rekordumsätze.

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