Liveblog Sachsen-Anhalt

Ansichten eines Bergsteigers Live


Von Stephan Schulz | 25. Januar 2016

Am Tag, als streikende Hochseefischer den Fährverkehr zwischen Frankreich und England lahmlegten, bestieg Reinhold Messner den Mount Everest.
Es war der 20. August 1980. Messner war alleine unterwegs. Er erreichte den Gipfel ohne Sauerstoffmaske. Das brachte ihm einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde ein. Fünfzehn Jahre später kletterte der Extrembergsteiger über die Mauer seiner Schlosses bei Meran, rutschte ab und brach sich das Fersenbein. Messner wurde Invalide. Zwanzig Jahre nach diesem Unfall sitzt er gut gelaunt im Studio von MDR Sachsen-Anhalt und erzählt über sein bewegtes Leben.

Ich begrüße einen Mann, den man eigentlich nicht vorstellen muss, sagt Moderator Elmer Emig. "Grüß Gott", sagt Messner. "Was würden Sie in ihrem Leben nicht noch einmal machen?", fragt der Moderator. "Ich würde sicherlich nicht mehr nachts bei Regen über eine sechs Meter hohe Mauer steigen", sagt Messner.
Er drückt den Rücken durch und wartet mit wachen Augen auf die nächste Frage. Messner ist inzwischen 71 Jahre alt. Früher hat er jeden Achttausender bestiegen, heute reist von Stadt zu Stadt, um seine Ansichten über das Zusammenleben der Menschen zu verbreiten. "ÜberLeben" heißt seine Vortragsreihe.

von Stephan Schulz

 
"Wir Menschen haben seit Millionen von Jahren, seit wir versuchen auf der Erde zu überleben, eine genetische Pflichtverhaltensweise", sagt Messner. "Wir können nur gemeinsam überleben. Dieses Zusammenspiel funktioniert aber nur im kleinen Kreis, in der Familie." Messner will beobachtet haben, dass es zwischen den Nationen keine Empathie, keine Solidarität gebe, weil das nicht in „unseren Genen“ stecke. Das zeige sich derzeit vor allem beim Umgang mit Flüchtlingen. Messner erzählt von einer Reise, die ihn in die Mongolei führte. "Ich habe dort Jurten mit Satellitenschüsseln gesehen. Die Menschen versammelten sich vor den Fernsehapparaten und guckten deutsche oder amerikanische Programme. Sie dachten, wir leben im Schlaraffenland. Wenn diese Menschen hungern, weil ihnen die Schafe verreckt sind, weil es zu trocken ist, dann ist die Wanderbewegung nach Europa kein Wunder.

Messner bezeichnet sich selbst als glühender Europäer. Er war mal fünf Jahre Abgeordneter in Brüssel, saß in der Fraktion der Grünen, allerdings ohne Parteibuch. "Ich bin italienischer Staatsbürger und kandidierte nach meinem Sturz von der Mauer für die Grüne Liste Norditaliens. Ich bin aber nie in eine Partei eingetreten. Ich bin zwar Demokrat, aber die Parteiendemokratie ist keine ganz saubere Sache für mich. Für mich macht Politik nur Sinn, wenn ich wirklich für die Menschen da bin und nicht für einzelne Gruppeninteressen."

Reinhold Messner: "Ich mache alles mit Leidenschaft. So entsteht gelungenes Leben."
von Stephan Schulz

Der Bergsteiger, der auf ein Leben voller Höhen und Tiefen zurückblicken kann, verfolgt dieser Tage aufmerksam die Nachrichten zur Flüchtlingskrise. Es wurmt ihn, dass so wenige Staaten bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen. Und er befürchtet, dass das Haus Europa an der Uneinigkeit der EU-Mitgliedsstaaten in sich zusammenfallen könnte. "Wenn wir Europa auseinanderbrechen lassen, na dann gute Nacht Deutschland, Frankreich, Italien..." Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Europa Kriegsflüchtlingen hilft. "Gerade die Syrer, die aus ihrem Land gebombt werden, müssen aufgenommen werden", sagt Messner. Menschen aus anderen Krisenregionen sollte aber besser vor Ort geholfen werden, sagt Messner.  "Ich denke da zum Beispiel an Nepal, wo es ein fürchterliches Erdbeben gegeben hat. Nepal ist ein beliebtes Wandergebiet für Deutsche. Jeder, der jetzt dort hinreist, bringt nicht nur Geld mit, sondern er hilft den Menschen, wieder Hoffnung zu schöpfen. Wenn sie sehen, dass die Ausländer kommen und keine Angst haben, dann heißt das für die Nepalesen, ihr Land ist weiter bewohnbar. Das ist die beste Entwicklungshilfe, die wir leisten können."

Messner hält Entwicklungshilfe für sinnvoll, wenn sie zur Selbsthilfe anregt. Staaten würden da oft versagen. Private Hilfsprojekte seien oft effektiver. "Wenn jetzt die lieben Kritiker sagen, die reichen Leute, die tun nichts, dann ist das zum Teil richtig, zum Teil ist es aber auch falsch. Denken wir an Bill Gates, der Milliarden investiert, um in armen Gegenden den Menschen unter die Arme zu greifen."

Der Moderator nickt zustimmend. Dann schwenkt er von der globalen Entwicklungshilfe auf die "Wilden Jahre" um. So heißt gerade eine Sendereihe im Radioprogramm von MDR Sachsen-Anhalt. Die Hörer sind aufgerufen, ihre wildesten Geschichten aus ihrer Jugend zu erzählen. Das Interesse ist riesig. "Was waren für Sie die wilden Jahre?", will der Moderator von seinem Studiogast wissen. "Ich kann im Rückblick nicht mehr sagen, was besser oder schlechter war", sagt Messner. "Ich habe mich immer wieder umorientiert. Erst war ich Kletterer, dann Höhenbergsteiger, dem die Zehen abgefroren sind. Dann wurde ich ein Abenteurer in der Horizontalen, der die Antarktis und die Wüste Gobi durchquerte."

Messner sagt, er habe die Angewohnheit, sich alle zehn bis fünfzehn Jahre neu zu erfinden. Gerade sei er dabei, sich als Filmemacher einen Namen zu machen. "Wir Menschen haben die Fähigkeit, alles was wir uns vorstellen, was wir uns ausdenken, auch wahr werden zu lassen. Danach habe ich immer gehandelt. Ich mache alles mit Leidenschaft. Daraus entsteht gelungenes Leben."

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