Liveblog Sachsen-Anhalt

Patriarch und Geburtshelfer: Wolfgang Böhmer zum 80. Geburtstag Live

Von Stephan Schulz | 27. Januar 2016

Alle wollen Wolfgang Böhmer sprechen. Er geht aber nicht ans Telefon. Er macht sich rar, ist schwer zu fassen. Vermutlich ist es ihm ein Graus, dass ihm alle gratulieren wollen. Er ist ein Mann alten Schlags, der für Showeffekte nicht zu haben ist. Neun Jahre hat er Sachsen-Anhalt regiert. Er war Ministerpräsident, Patriarch und Vaterfigur in einem. Er war streitbar, tat dem kleinen Bundesland aber gut. Selbst seine politischen Gegner zollten ihm Respekt. Heute wird Wolfgang Böhmer 80 Jahre alt. Wenige Tage vor seinem Jubiläum interviewte ihn ein TV-Team von MDR Sachsen-Anhalt an seinem Wohnort, der Lutherstadt Wittenberg.

"Wie geht es Ihnen?", fragte der Reporter.
"Mit dem Gemüt ist es wie mit dem Wetter", sagte Böhmer.
"Es gibt Sonnentage, aber auch ziemlich triste Stimmungen.
Nebeltage. Da muss man im Leben durch."

Der CDU-Politiker hat sich nicht groß verändert. Er klingt abgeklärt wie eh und je. Emotionen sind auch im Alter nicht seine Sache. Geboren wurde er am 27. Januar 1936 in Dürrhennersdorf in der Oberlausitz. Bevor er in die Politik ging, arbeitete er als Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Unter seiner Mithilfe kamen etwa 30.000 Kinder auf die Welt.

Von den Begegnungen, die ich mit ihm hatte, ist mir eine fest im Gedächtnis geblieben. Es war der 3. Oktober 2003, der Tag der Deutschen Einheit. Der Altrocker Udo Lindenberg fuhr an diesem Tag kurz vor Magdeburg durch eine Mauer aus Styropor. Auf dem Hauptbahnhof der Landeshauptstadt warteten derweil zwei mächtige Männer auf den Musiker mit den wulstigen Lippen und der zitternden Hutkrempe. Sie standen auf Bahnsteig 7 inmitten bierbeseelter Fußballfans des 1. FC Magdeburg und ließen sich von einer Schar Fotografen geduldig ablichten. Der eine Herr lächelte ständig und sagte Sätze wie: "Udo Londenberg wird auch in 30 Jahren noch Panikpräsident sein und ich der Bundeskanzler." Er sagte tatsächlich Londenberg, als sei er betrunken. Der andere Herr sagte nichts. Er lächelte auch nicht. Er stand einfach nur da, steif, als habe er einen Stock verschluckt. Sein ohnehin schon grimmiger Gesichtsausdruck wurde noch grimmiger, als der Sonderzug quietschend in den Bahnhof einfuhr.


Ex-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer: Er feiert heute seinen 80. Geburtstag.
von Stephan Schulz

Wahrscheinlich ahnte Wolfgang Böhmer, damals amtierender Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, dass er mit der Lockerheit überfordert sein würde, die da im Schlabberlook auf ihn zukam. Udo Lindenberg begrüßte den Gastgeber der zentralen Einheitsfeier in Magdeburg mit den Worten: "Tach Professor, alles fit?" Böhmer schien es den Magen zuzuschnüren, denn wer ihn kennt, weiß, dass er mit Distanzlosigkeit nicht umgehen kann. Der zweite Herr im Bunde, der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, nahm den Bahnsteigtermin locker. Er schloss Udo Lindenberg in die Arme, küsste ihn auf die Wange und jubelte: "Mensch Udo, dein Einheitsmotto `Powern statt Mauern`ist so klasse, dass es glatt von mir stammen könnte."

Böhmer zog beim Anblick der Beiden seine buschigen Augenbrauen nach oben. Er rang sichtlich um Fassung, denn er ist für solche Späßchen einfach nicht geschaffen. Jeder Selbstdarsteller wurde von ihm in seiner Amtszeit abgestraft. Ich erinnere mich da beispielsweise an die einstige Generalsekretärin der FDP, Cornelia Pieper. Als sie bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im Frühjahr 2002 siegestrunken in die Fernsehkameras kicherte, tadelte Böhmer die Liberale mit den Worten: "Nun hört Frau Pieper mal auf Faxen zu machen und hört zu." Es war dieser väterlich kommandierende Führungsstil, mit dem sich Böhmer während seiner Amtszeit als Ministerpräsident breite Anerkennung verschaffte.

Fast 14 Jahre ist diese Begegnung nun her. Die Zeit rennt und rennt. Bis vor wenigen Jahren hielt Böhmer dem Lebenssprint ohne Probleme stand. Inzwischen sagt er von sich selbst, dass er das Alter deutlich spüre. "Ich will aber nicht jammern." Auch wenn sein Körper ab und an schwächelt, sein Geist ist hellwach.
Derzeit sorgt er sich vor allem um das Haus Europa, das vom Giebel bis zum Fundament mit Rissen übersät sei. Böhmer hält es für fatal, dass es wieder einen Trend zurück zum Nationalstaat gibt. Außerdem ist er überzeugt davon, dass das Thema Flüchtlinge die politischen Debatten für viele Jahre bestimmen wird. "Wir loben die Globalisierung, weil sie uns wirtschaftlich nützt", sagte er während des Interviews mit dem TV-Team von MDR Sachsen-Anhalt. "Die Globalisierung hat aber auch dazu geführt, dass die Lebenswünsche der Menschen in den ärmeren Ländern größer geworden sind. Das wird noch zu vielen Konflikten führen."

Böhmer ist ein praktischer Denker, ein Realist.
Er lässt sich kein X für ein U vormachen. Er war nie Parteisoldat, hat sich nie angepasst. Welcher Politiker kann das noch von sich behaupten?

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