Liveblog Sachsen-Anhalt

Von Teddybären und Polizisten Live

Von Stephan Schulz | 27. Januar 2016

Wenn ich meinem Sohn eine Freude machen will, besuche ich Uwe Petermann. Petermann hat immer etwas zum Spielen im Schrank. Große und kleine Teddybären, die Lederjacken und Polizeimützen tragen. Kleine Jungs lieben solche hartgesottenen Plüschpolizisten. Sie pfeffern sie durch ihr Kinderzimmer oder stopfen sie wahlweise in den Kühlschrank oder den Geschirrspüler. Wenn die kuschligen Ordnungshüter am Ende des Tages überlebt haben, sind kleine Jungs wie mein Sohn glücklich und zufrieden. Die Teddys kosten zwischen sechs und sechzehn Euro, je nach Größe. Ich glaube, ich werde bald mal wieder so einen Teddy erwerben, denn unserer sieht doch schon etwas ramponiert aus.

Neben Teddybären hat Petermann auch selbstentworfene Bastelbögen im Angebot. Polizeiautos zum selber falten. Petermann ist ein kreativer Mann. Manchmal denke ich, er häkelt auch. Ich konnte dafür aber noch keinen Beweis finden. Sein Büro liegt in einem Seitengang des Innenministeriums. Hier lässt Petermann seinem Spieltrieb freien Lauf. Allerdings nur, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Es würde in seinem Job nicht so gut ankommen, wenn sein inneres Kind auch in der Öffentlichkeit die Oberhand gewinnen würde. Petermann muss Kante zeigen, aufmüpfig sein, denn er ist seit 2009 der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Sachsen-Anhalt. In dieser Funktion hat er sich für die Interessen der Polizisten im Land einzusetzen. Und das macht er auch. Erst gestern krempelte er wieder die Ärmel hoch und zeigte verbal Durchsetzungskraft. Petermann saß auf dem Podium der Landespressekonferenz und brachte mit Daumen und Zeigefinger seinen gezwirbelten Oberlippenbart in Form. Er wirkte in diesem Moment wie aus einer anderen Zeit. Halb Kaiser Wilhelm, halb Urgroßvater Friedrich. Petermanns Urgroßvater hieß tatsächlich Friedrich, und ihm zu Ehren trägt er auch seinen kunstvoll gestylten Oberlippenbart.


Uwe Petermann ist der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Sachsen-Anhalt
von Stephan Schulz

Petermann saß also auf dem Podium, zwirbelte seinen Bart und sagte Sätze wie: „Während andere Bundesländer beim Personal aufstocken, spielen die Verantwortlichen in Sachsen-Anhalt Vogel Strauß und stecken den Kopf in den Sand.“ Seiner Ansicht nach hat die Landesregierung von CDU und SPD die Polizei in den zurückliegenden fünf Jahren „auf Verschleiß“ gefahren. „Wenn die Landesbereitschaftspolizisten maximal ein freies Wochenende in zwei Monaten haben, dann zeigt das, wie groß die Einsatzbelastung für die Kollegen geworden ist.

Die Polizei müsse mit einem viel zu geringen Personalbestand immer mehr Aufgaben übernehmen, klagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Seine Kollegen müssten Asylbewerberheime bewachen, sich auf Terrorgefahren vorbereiten, Abschiebungen begleiten, Pegida-Demonstrationen und Gegenproteste absichern und die gewaltbereiten Fans in den Fußballstadien unter Kontrolle bringen. Das alles zehre an den Kräften der Polizisten. Marode Dienstgebäude, ausbleibende Beförderungen, eine veraltete Computertechnik und extrem viele Krankschreibungen würden zusätzlich auf die Motivation drücken. Petermann appellierte deshalb an die Bevölkerung von Sachsen-Anhalt, sich an der bundesweiten Gewerkschaftsaktion „Wir brauchen Verstärkung“ zu beteiligen. „Wir haben die Bürger aufgerufen, sich bei ihren Landtags- und Bundestagsabgeordneten zu beschweren. Sie sollen die Politiker in einem persönlichen Brief auffordern, sich dafür einzusetzen, dass schnell und unbürokratisch junge Polizisten eingestellt werden. Geschieht das nicht, kann die Polizei nicht mehr lange für Ordnung und Sicherheit sorgen.

Als ich Uwe Petermann so zuhörte, bekam ich das Gefühl, dass es nur noch gebrechliche, ausgebrannte Polizisten gibt. Polizisten, die am Limit arbeiten. Dass die Beamten wirklich überlastet seien, sehe man alltäglich im Straßenverkehr, sagte der Gewerkschafter. Er will beobachtet haben, dass immer mehr Raser unterwegs sind, die weder bremsen noch blinken. „Wir schaffen es ja kaum noch, Blitzer aufzustellen und Bußgelder zu verhängen.“ Als ich das hörte, rutschte mir der Satz raus: „Das mit den Bußgeldern ist doch mal eine gute Nachricht.“  Einige Journalisten in der Runde schmunzelten, Petermann hingegen zwirbelte leicht empört seinen Oberlippenbart. „Für denjenigen, der sich nicht ganz so an die zehn Gebote halten, mag das ja eine gute Nachricht sein“, sagte er. „Aber spätestens, wenn die Verkehrsunfallstatistik auf dem Tisch liegt, werden sich alle besorgt fragen: Wie konnte das nur passieren?“ Ich schwor mir in diesem Moment, nie wieder eine dumme Bemerkung auf einer Pressekonferenz zu machen. Manche Witze gehen einfach nach hinten los.

Am Ende der Pressekonferenz griff ich mir noch einen der roten Weingummis mit dem Schriftzug „DANKE“, die Uwe Petermann auf die Plätze der Journalisten gelegt hatte – plus Pressemitteilung. Der Moderator fragte scherzhaft in Richtung des Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, ob das ein Erpressungsversuch sei. Dann ließen sich die Journalisten die roten Weingummis schmecken. Ich steckte meinen in die Tasche und schenkte ihn am Abend meinem Sohn. Er spuckte ihn sofort wieder aus.

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