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Extremismusvorwurf: Zwei Stadträte verlassen Fraktion DIE LINKE Live


Von Stephan Schulz | 11. Februar 2016

Einmal im Jahr, kurz bevor der Osterhase kommt, bestellt Marcel Guderjahn (34) eine große Kiste Straußeneier in Hamburg. Die Straußeneier werden ohne Dotter angeliefert, was Guderjahn dicke Backen erspart. Er muss sie nicht mehr ausblasen. Sobald die Straußeneier in Magdeburg eingetroffen sind, lässt er sie von zwanzig Künstlern in österliche Kunstwerke verwandeln. Anschließend versteigert er sie vor seinem Bistro "Kietz" im Stadtteil Buckau. Das Straußeneier-Happening ist beliebt. Viele Magdeburger wollen dabei sein, wenn es heißt: Drei, zwei, eins - das Ei ist meins!

Wenn Marcel Guderjahn nicht gerade den Auktionshammer schwingt, steht er im "Kietz" hinter seinem Tresen und zapft Bier - oder er lässt sich im Magdeburger Rathaus sehen, um sich für die Belange der Menschen einzusetzen, die ihn in den Stadtrat gewählt haben. Seit 2010 gehörte der parteilose Kommunalpolitiker der Fraktion DIE LINKE an. Am Montag hat er die Fraktion jedoch verlassen. "Aus Protest gegen Linksextremisten", sagt Guderjahn und zündet sich eine Zigarette an. Er sitzt in seinem Bistro am Stammtisch. Vor ihm stehen zwei Bionaden, eine halbgeleerte Sektflasche und eine Wasserflasche mit Sprudel. Über ihm an der Decke schweben bunte Faschingsgirlanden. Guderjahn erzählt, dass es in der Linken-Fraktion vier Blockierer gebe, die alles kaputt diskutieren würden. "Für mich ist das der schwarze Block", sagt er. "Pseudo-Linke!" Er bescheinigt ihnen eine auffällige Nähe zu Autonomen, will aber weder Namen nennen, noch über konkrete Vorfälle sprechen. „Es wäre falsch, noch größere Kriege anzuzetteln", sagt er. "Mein Austritt aus der Fraktion der Linken hat schon genug Staub aufgewirbelt."

Guderjahns Linksextremistenvorwurf macht in der heißen Wahlkampfphase von Sachsen-Anhalt tatsächlich die Runde. Andre Schröder, der Fraktionschef der CDU im Magdeburger Landtag, ließ gleich am Dienstag eine Pressemitteilung verbreiten, in der es heißt: "Der Stadtverband Magdeburg der Linken ist kein beliebiger Verband, sondern die politische Heimat des Spitzenkandidaten Wulf Gallert. Es wäre daher mehr als angebracht, die Haltung zum Linksextremismus zu klären." Schröder forderte Gallert zu einer Stellungnahme auf. Der reagierte zunächst auf Twitter: "Sie wollen also eine Stellungnahme von mir zu einem Vorwurf, den sie selbst nicht belegen können?" Später sagte Gallert im Interview mit MDR Sachsen-Anhalt: "Es gab eine Debatte in der (linken) Stadtratsfraktion zu einer (linken) Vereinigung hier in Magdeburg, von der Straftaten gegen Polizisten ausgegangen sind." Laut Gallert haben sich aber alle Mitglieder der linken Stadtratsfraktion von den gewaltbereiten Linksextremen distanziert. Deswegen sei der Extremismusvorwurf von Marcel Guderjahn völlig aus der Luft gegriffen. Gallert wörtlich: "Ich sage, er ist erlogen und erstunken."

Marcel Guderjahn (34) hat die Magdeburger Stadtratsfraktion der Linken verlassen.
von Stephan Schulz

Guderjahn nippt an seiner Kaffeetasse. Er kommt auf den Vorabend zur 8. Meile der Demokratie zu sprechen. Das war der 15. Januar 2016. Rund 250 linke Demonstranten zogen unter dem Motto "Schulter an Schulter gegen Faschismus und imperialistische Kriege" durch Magdeburg. Darunter auch Vermummte. Sie bewarfen Polizisten mit Steinen und Pyrotechnik. Vier Beamte wurden verletzt. "Ich fand das unmöglich", sagt Guderjahn. "Ich distanziere mich von linken Steinewerfern und wollte, dass das in der Fraktion der Linken auch so protokolliert wird." Doch Guderjahn will nur böse Blicke bekommen haben. Einer habe sogar gesagt: "Die Jugend demonstriert heute halt anders." Knapp einen Monat später verließ Guderjahn die Stadtratsfraktion der Linken.

Ihm folgte am Dienstag, nur 24 Stunden später, das Ratsmitglied Roland Zander (50), der keinen Hehl daraus macht, dass sein Herz ohnehin mehr für Narzissen und Gartenzwerge schlägt als für linke Politik. Zander ist Mitglied der Magdeburger Gartenpartei, saß aber mit in der linken Stadtratsfraktion. Er will, wie Guderjahn, dort linksextreme Tendenzen beobachtet haben. "Ich musste mehrmals zum Rapport, weil denen unsere Twittermeldungen nicht gefielen", sagt er. Die Gartenpartei hatte sich auf Twitter unter anderem über die Flüchtlingspolitik lustig gemacht. "Die Felle schwimmen weg!", hieß es da. Und weiter: "Schon merk-würdig, dass auch immer mehr Buntdämonkraten gegen Merkel agieren, obwohl den Anfang die pöhsen Rächtän machten..." Zander kann nichts Schlimmes daran finden, dass einige Mitglieder der Gartenpartei rechtspopulistische Ansichten vertreten. Viel mehr regt ihn auf, dass seine ehemaligen Freunde von der Linkspartei das immer mitbekommen haben. "Das waren eigentlich ganz schlimme Methoden, wie man beobachtet wurde", sagt er. "Das kenne ich so gar nicht!"

Roland Zander (50) trat ebenfalls aus der Stadtratsfraktion DIE LINKE aus.
von Stephan Schulz

Auch Marcel Guderjahn wurde hin und wieder angezählt. Er hatte beispielsweise auf seinem Facebook-Account eine Rede des österreichischen FPÖ-Politikers Heinz Christian Strache geteilt. Für einen linken Politiker ein No-Go! In der Fraktion der Linken gab es daraufhin eine Aussprache, sagt Wulf Gallert, der Spitzenkandidat der Linken für die Landtagswahl. "Strache ist ein Rechtspopulist übelsten Wassers. Die Aussprache hat dazu geführt, dass derjenige (Guderjahn) das Video wieder gelöscht hat."

Guderjahn und Zander haben die linke Fahne nun trotzdem fallen lassen. Sie gründen mit Jacqueline Tybora, die vor einiger Zeit ihr SPD-Parteibuch abgegeben hat, gerade eine neue Stadtratsfraktion unter dem Dach der Gartenpartei. Tybora wird hauptamtliche Geschäftsführerin. Außerdem wird Guderjahn zur Landtagswahl als Einzelkandidat antreten. "Ich bin ja beliebt bei den Wählern", sagt er und verweist auf sein Wahlergebnis bei der letzten Kommunalwahl. "Platz 3 hat Guderjahn geholt", sagt Guderjahn über Guderjahn. "Mit 3398 Stimmen!" Besser hätten nur Wigbert Schwenke und der Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Bernd Heinemann (beide CDU) abgeschnitten.

Zur Landtagswahl im März will Guderjahn nun Andreas Schumann (CDU), Katrin Budde (SPD), Wulf Gallert (Linke) und Olaf Meister (Grüne) herausfordern. Er tritt gegen sie im Wahlkreis 13 an. "Ich spiele David gegen Goliath", sagt er. Guderjahn klingt wie ein Kraftsportler, der zu viel Eiweiß gegessen hat und nun vor Kraft nicht laufen kann. Vielleicht werden seine Straußeneier ja doch nicht ausgeblasen angeliefert.

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