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Dessau: Sollten mutmaßliche Mörder geschützt werden? Live

Von Stephan Schulz | 27. April 2016


Ich bin von einer beängstigenden Naivität geschlagen. Vor zwei Tagen hätte ich einen ranghohen Beamten des Polizeireviers Dessau-Roßlau noch gern in Schutz genommen, vor den Medien. Er ist der Stiefvater des jungen Mannes, der im dringenden Tatverdacht steht, gemeinsam mit seiner Verlobten eine chinesische Austauschstudentin in Dessau getötet zu haben. Auch die Mutter des mutmaßlichen Mörders, ebenfalls Polizistin, tat mir leid, weil sie in der Berichterstattung eine Rolle spielte. Ich dachte, die beiden seien schon genug gestraft und man müsse ihre Persönlichkeitsrechte schützen. Schließlich leben wir in einem Land, in dem es keine Sippenhaft gibt.

 
Und nun das: Sowohl der leitende Polizist als auch die Polizistin, deren Sohn in Untersuchungshaft sitzt, könnten versucht haben, die Ermittlungen zu beeinflussen. Wollten sie Spuren nach dem grausamen Mord an der chinesischen Austauschstudentin Y. L. verwischen? Nach Informationen von MDR Sachsen-Anhalt sollen die beiden Beamten dabei beobachtet worden sein, wie sie gemeinsam mit dem tatverdächtigen Sohn dessen Wohnung ausgeräumt haben. Aus purer Blauäugigkeit? Oder war es Vorsatz? Wollte die Mutter ihren Sohn schützen? Oder hat sie ihm geraten, sich zu stellen? Fakt ist, dass direkt vor dem Haus, in dem sich die Wohnung befindet, die verstümmelte Leiche der 25-Jährigen Chinesin gefunden wurde. Fakt ist auch, dass sie im selben Haus ums Leben kam. Die Ermittler haben in einer Wohnung, in dem der Polizistensohn zuvor lebte, Blutspuren gefunden.


Der Tatort in Dessau: Hier wurde die Leiche der chinesischen Studentin gefunden.
von Stephan Schulz


Nachdem die Mutter und offenbar auch der Stiefvater ihm beim Umzug geholfen hatten, ging er zu den Ermittlern und erzählte ihnen, dass die Chinesin Y.L., seine Verlobte und er einvernehmlichen Sex gehabt hätten, einen Tag vor dem Verschwinden der Austauschstudentin. Für mich klingt das wie eine Schutzbehauptung. Umso verwunderter bin ich darüber, dass ausgerechnet der leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann die Version der Tatverdächtigen während einer Pressekonferenz verbreitete. Nicht umsonst hat Rudolf Lückmann von der Hochschule Anhalt gesagt, dass der hochrangige Ermittler das Mordopfer und deren Eltern entehrt habe. (Lückmann betreut die trauernden Eltern.)


Mit seinen Äußerungen hat sich Oberstaatsanwalt Folker Bittmann aus meiner Sicht um seine eigene Reputation gebracht. Seit heute begleitet der Generalstaatsanwalt in Naumburg das Ermittlungsverfahren. Das gab am Vormittag das Justizministerium bekannt. Das Vertrauen in die Arbeit der Staatsanwaltschaft Dessau scheint also nachhaltig erschüttert zu sein. Der Fall hat inzwischen eine politische Dimension erreicht, deren Folgen noch nicht absehbar sind, auch wenn der Innenminister und die Justizministerin von Sachsen-Anhalt öffentlich noch kein Wort dazu gesagt haben.


Überhaupt gibt der ermittelnde Oberstaatsanwalt Folker Bittmann eine äußerst unglückliche Figur ab. Wie kann man eine Pressekonferenz, in der es um die Tötung einer jungen Frau geht, mit den Worten einleiten, Journalisten hätten die Toiletten der Staatsanwaltschaft beschmutzt, deshalb habe man sich entschlossen, Tische vor der Staatsanwaltschaft aufzustellen, um im Freien über den Ermittlungserfolg der Polizei zu sprechen. Sind die Toiletten der Staatsanwaltschaft wichtiger als der Tod einer jungen Frau, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatte? Folker Bittmann ermittelt in dem Fall weiter. Ob er sich damit einen Gefallen tut?

 
Auf Seiten der Polizei wird das Ermittlerteam inzwischen von der Polizeidirektion Süd beaufsichtigt. Denn die Mutter des Tatverdächtigen hatte sich nach Informationen von MDR Sachsen-Anhalt freiwillig der Ermittlungsgruppe angeschlossen. Außerdem prüft ein Sonderermittler des Landeskriminalamtes, ob die Mutter des Tatverdächtigen bereits früher Einfluss auf polizeiliche Ermittlungen gegen ihren Sohn genommen haben könnte.


Nicht ohne Grund! Die Polizeidirektion Ost stand schon einmal deutschlandweit in der Kritik, weil der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte, angekettet in seiner Gefängniszelle. Ich konnte mir bisher nie vorstellen, dass dies mutwillig mit Wissen von Polizisten geschah. Seit heute kann ich mir alles vorstellen.

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