Liveblog Sachsen-Anhalt

Eine Schokotorte geht um die Welt Live

Von Stephan Schulz | 28. Mai 2016


Oft sind es die Vollidioten, die einem die Show stehlen. Sie flitzen nackt über Fußballplätze oder klettern vermummt auf irgendwelche Bühnen und rufen unverständliche Parolen, weil sie ihre Zähne nicht auseinander bekommen. Solche Menschen achten stets darauf, dass möglichst viele Fotografen und Kameraleute in ihrer Nähe sind, weil sie sich dann sicher sein können, binnen weniger Stunden bekannter zu sein als George Clooney oder Justin Bieber.

Heute Vormittag zum Beispiel jonglierte ein junger Mann eine Schokoladentorte an die Delegierten des Bundesparteitages der Linken in Magdeburg vorbei. Vorn auf der Bühne hielt gerade der Parteivorsitzende Bernd Riexinger eine flammende Rede. Er wollte den rund 600 angereisten Genossen verdeutlichen, dass die Linkspartei doch nicht so „saft- und kraftlos“ ist, wie es der langjährige Star-Genosse Gregor Gysi vor dem Bundesparteitag behauptet hatte. Doch der Mann mit der Torte vermieste Bernd Riexinger seinen Auftritt. Er hatte sich bis in die erste Reihe vorgekämpft und drückte der amtierenden Linken-Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht sein Schokomitbringsel ins Gesicht. Dabei rief er irgendwelche Botschaften, die aber kein Mensch verstand, weil er nur die Nuschel-Sprache beherrschte. Die Fotografen betätigten die Auslöser ihrer Kameras, die Fernsehteams drehten ihre Bilder und die Agenturjournalisten rannten schnell zu ihren Computern, um die Eilmeldung „Eklat beim Linkenparteitag in Magdeburg – Sahra Wagenknecht mit Torte beworfen“ in die Welt zu blasen.

Seither dürfte schätzungsweise jeder zweite Journalist in Deutschland  – einschließlich meiner Person – damit beschäftigt sein, über den Tortenanschlag zu berichten.
Das Kalkül der Vollidioten geht in solchen Fällen immer auf. Sie bekommen eine Aufmerksamkeit, die sie nicht verdient haben.



Sahra Wagenknecht wurde in Magdeburg mit einer Schokotorte beworfen 
von Stephan Schulz

Nachdem Sahra Wagenknecht von Sicherheitsleuten aus dem Saal geführt worden war, trat Parteichefin Katja Kipping ans Mikrofon und sagte: „Das war nicht nur ein Angriff auf Sahra, das war ein Angriff auf uns alle.“ Auch Parteichef Bernd Riexinger kommentierte den Tortenwurf. Gewalt gegen Frauen sei nicht zu tolerieren, sagte er. Dann standen alle Delegierten auf und klatschen Beifall.

Der Tortenwerfer saß zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Polizeiauto und wurde auf eine Magdeburger Wache gebracht, wo er inzwischen seine Personalien hinterlassen haben dürfte. Im Saal des Bundesparteitages der Linken hatte er Flugblätter mit der Aufschrift hinterlassen: „Torten für Menschenfeinde.“ Darin wirft eine antifaschistische Initiative Sahra Wagenknecht vor, gegen den Zuzug von Flüchtlingen zu sein. Wörtlich heißt es in dem Bekennerschreiben: „Die Forderung nach einem Schießbefehl bleibt Beatrix von Storch und der AfD vorbehalten. Die ideologische Munition wird ihnen dabei jedoch nicht zuletzt von Wagenknecht und Co. geliefert. Eine Torte für Wagenknecht ist deshalb mehr aus berechtigt.“


Bei Google findet man inzwischen über 1700 Einträge  unter dem Stichwort "Torte, Wagenknecht". Darauf kann der Tortenwerfer heute Abend einen Trinken. Sein Ziel, Aufmerksamkeit zu bekommen, hat er erreicht. Die Linken dagegen haben es nun schwer, sich medial noch mit Inhalten bemerkbar zu machen. Eine Schokotorte hat heutzutage einfach mehr Schwungmasse als Inhalte.

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