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Mut zur Wahrheit: AfD-Abgeordneter schreibt von der Linkspartei ab Live

Von Stephan Schulz | 16. Juni 2016


Der frischgebackene AfD-Landtagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt verdient im Magdeburger Landtag gutes Geld. Seinen Wählern will er deshalb beweisen, dass er auch ein guter Volksvertreter ist: ordentlich, pünktlich und vor allem fleißig. "Landtag kann auch harte Arbeit sein, wenn man die Sache ernst nimmt", schrieb der 24-Jährige vor wenigen Wochen auf seinem Facebookprofil. Seit heute wirkt sein Eintrag so, als verstehe er unter harter Arbeit, geistigen Diebstahl zu begehen. Jan Wenzel Schmidt hat sich nämlich beim Abschreiben erwischen lassen.


Jan Wenzel Schmidt steht wegen eines Plagiats in der Kritik 
von Stephan Schulz


Der AfD-Abgeordnete stellte am 15. Juni 2016 eine kleine Anfrage an die Landesregierung, in der er zum Beispiel wissen wollte, welche Aufsichtsräte in Sachsen-Anhalt mit Staatssekretären besetzt wurden. Das klingt erstmal nicht anrüchig, sondern nach politisch sauberer Arbeit. Doch Jan Wenzel Schmidt hatte keine Lust, sich seinen Kopf selbst zu zermartern. Deshalb verzichtete er darauf, eigene Fragen zu stellen. Er durchforstete stattdessen das Archiv des Landtages und fand Gefallen an einer sechs Jahre alten Anfrage des politischen Erzfeindes Die Linke. Der AfD-Abgeordnete, der auch Landesvorsitzender der Jungen Alternative in Sachsen-Anhalt ist, drückte einfach "Kopieren" und "Einfügen" und veröffentlichte die Anfrage einfach unter seinem eigenen Namen. Eine Referentin der Linkspartei entdeckte heute das Plagiat. Jan Wenzel Schmidt sagt dazu: "Die Anfrage habe ich erneut gestellt, da sie meiner Ansicht hinsichtlich der Kontrolle der Landesregierung zielführend war. Ich verstehe die Kritik und war anscheinend zu blauäugig, da ich es nicht als verwerflich betrachte."


Diese Einstellung ist in der Tat blauäugig. Denn es weiß doch bereits jeder Grundschüler, dass man nicht von seinem Banknachbarn abschreibt. Und wenn man es doch tut, dann sollte man sich zumindest nicht erwischen lassen. Das gilt auch für die Bänke im Landtag.


In der AfD spricht man ja gern von den Altparteien, die rot-grün-versifft seien. Da ist es schon mehr als verwunderlich, dass Jan Wenzel Schmidt ausgerechnet auf die Formulierungskünste des politischen Gegners zurückgreift, sie klaut und dann sagt: "Bei den Anfragen ist die Formulierung wichtig, da sonst die Regierung der Frage ausweichen kann. Mit jeder Anfrage gehe ich das Risiko ein, keine gewünschte Beantwortung zu bekommen." Damit sagt der AfD-Politiker, dass er nicht sauber formulieren kann. Abschreiben kann er aber gut. Und nicht nur er. Auch Frauke Petry, die Bundesvorsitzende der AfD, stand im Februar wegen eines peinlichen Plagiat-Antrags in der Kritik. Sie hatte im sächsischen Landtag einen Antrag zu häuslicher und sexueller Gewalt gestellt, der gut formuliert war. Das hatte die grüne Landtagsabgeordnete Katja Meier stutzig gemacht. Sie fand heraus, dass der Antrag zu großen Teilen von der Linkspartei in Mecklenburg Vorpommern abgekupfert worden war. Als dies bekannt wurde, zog die AfD ihren Antrag zurück. Die Partei räumte sogar ein, dass es sich um ein Plagiat handelte. Eine parlamentarische Beraterin der AfD soll es verfasst haben. Sie hat die sächsische AfD-Fraktion inzwischen verlassen, teilte damals ein Sprecher mit. Ob Jan Wenzel Schmidt nun auch in die letzte Reihe der AfD-Fraktion verbannt wird, steht noch nicht fest. Vielleicht muss er ja auch nur nachsitzen und tausend Mal vor sich hinbeten: "Du sollst nicht abschreiben..."


Jan Wenzel Schmidt hat diese Anfrage von der Linkspartei eins zu eins kopiert
von Stephan Schulz
Das Original aus dem Jahr 2011 
von Stephan Schulz



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