Liveblog Sachsen-Anhalt

Pinkelattacke: Ein Brief an zwei AfD-Abgeordnete Live

Von Stephan Schulz | 24. August 2016

Sehr geehrter Herr Lehmann, sehr geehrter Herr Kirchner,

als Landtagsabgeordnete der AfD haben Sie vor wenigen Tagen ein Foto im Internet entdeckt, dass Sie in Rage brachte. Es zeigt sechs dunkelhäutige Männer, die auf den ersten Blick an die Fassade einer Kirche urinieren. Sie, Herr Kirchner, vermuteten, dass Asylbewerber für die vermeintliche Pinkelattacke verantwortlich sind und forderten auf Ihrem Facebook-Account: "Solche Idioten gehören sofort abgeschoben, mit lebenslanger Einreisesperre." Und Sie, Herr Lehmann, überlegten auf Facebook, was Ihnen wohl passieren würde, wenn Sie gegen eine Moschee pinkeln würden. Ihr Kollege, Herr Kirchner, schlug daraufhin vor, es mal auszuprobieren. Wenn ich alles richtig verstanden habe, wollen Sie das Abendland also mit ihrem Urinstrahl verteidigen. Ich dachte bisher immer, so etwas machen nur schlichte Gemüter nach dem zehnten Bier. In diese Kategorie hätte ich Sie gar nicht eingeordnet. Immerhin sind Sie, Herr Lehmann, Polizist. Und Sie, Herr Kirchner, soller früher auf ihrer Gitarre muntere Lieder gespielt haben.


 Gläubige vor der Kirche St. Gertrud: "Es ist nicht das, was so mancher besorgte Bürger vermutet."
von Stephan Schulz


In meiner Wahrnehmung sind Polizisten und Musiker eigentlich coole Typen. Deswegen verstehe ich es auch nicht, warum Sie sich auf eine Stufe mit irgendwelchen Pissnelken stellen wollen. Insgeheim hoffe ich daher, dass Sie darauf verzichtet haben, sich an eine Moschee zu stellen. Zumal Ihre Aktion ohnehin mächtig in die Hose gegangen wäre. Das Foto, über dass Sie sich so empörten, zeigt nämlich gar keine urinierenden Asylbewerber. Es zeigt strenggläubige junge Männer aus Eritreea, die an der Fassade der Kirche beten. Falls Sie sich fragen, lieber Herr Lehmann, lieber Herr Kirchner, woher ich das weiß: Ich habe Zeugen befragt und Spuren gesichert. Sogesehen habe ich also Ihren Job übernommen, Herr Lehmann. Hier nun mein Ermittlungsergebnis: Die Kirche, vor der angeblich sechs dunkelhäutige Männer ihre Notdurft verrichten, steht in München. Sie heißt St. Gertrud und der Pater dort heißt Andreas. Er findet es stillos, dass Sie sich als AfD-Abgeordnete an der Verbreitung einer Falschmeldung beteiligen. Auf seiner Internetseite schreibt er, die Männer vor seiner Kirche würden beten. "Es ist nicht das, was so mancher "besorgte Bürger" vermutet.

Weiter schreibt Pater Andreas:
"Seit einigen Jahren wird einer der Räume unserer Kirche von der eritreisch-orthodoxen Gemeinde benutzt. Jeden Sonntag wird eine Eucharistie gefeiert. Junge Eritreer treffen sich oft auch nach der Messe am Wochenende in diesem Raum. So hat sich eine gute ökumenische Beziehung zwischen der eritreischen Gemeinde und unserer katholischen Pfarrei St. Gertrud entwickelt. Ab und zu feiern wir gemeinsam ökumenische Gottesdienste. Nach der Tradition der orthodoxen Christen in Eritrea und Äthiopien gehen die Gläubigen oft nicht in die Kirche hinein, sondern beten draußen vor der Kirche. Sie lehnen sich an die Wand des Gotteshauses und beten."

Im Internet wird das Foto mit den betenden Christen aus Eritrea und Äthiopien noch immer fleißig geteilt. Allerdings heißt es da noch immer, Muslime würden gegen eine Kirche urinieren. Deswegen würde ich mir von Ihnen, Herr Lehmann, Herr Kirchner, wünschen, dass Sie den Slogan ihrer Partei "Mut zur Wahrheit" wörtlich nehmen und meinen Text fleißig unter Ihren Facebookfreunden verbeiten. Ich hoffe, dass Sie so viel Anstand besitzen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Schulz


Hier geht es zur Homepage der katholischen Kirche St. Gertrud in München:

 https://www.erzbistum-muenchen.de/StGertrudMuenchen/Page070914.aspx


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