Liveblog Sachsen-Anhalt

Kanonendonner für den Ministerpräsidenten Live

Von Stephan Schulz | 10. Dezember 2013

Vor drei Tagen stand ich auf einem Schlosshügel am Ufer des polnischen Flusses Narew und schaute dabei zu, wie Ministerpräsident Reiner Haseloff von Vertretern der „Polnischen Gesellschaft“ mit Kanonendonner empfangen wurde. Es war ein heiteres Zeremoniell.

Der Schlosshügel, auf dem es knallte, gehört zur ehemaligen Residenz der Bischöfe von Płock. Sie beherbergten zu ihren Lebzeiten so berühmte Staatsmänner wie Napoleon Bonaparte oder den Zaren Alexander II. in ihren Gemächern. An den Glanz der Vergangenheit erinnert heute noch das „Polonia-Haus“, ein Hotel, in dem in den zurückliegenden zehn Jahren 20.000 polnischen Kindern und Jugendlichen das richtige, feine Tischbenehmen beigebracht wurde, wie es in einem Werbeprospekt der „Polnischen Gesellschaft“ heißt.

Als Ministerpräsident Reiner Haseloff mit seiner Delegation auf dem Schlosshügel eintraf, hielt ein bärtiger Mann mit Filzhut bereits eine brennende Fackel in der Hand. Damit zündete er nacheinander drei Kanonen. Die ersten beiden Schüsse waren ohrenbetäubend. Der dritte verpuffte jedoch und Reiner Haseloff sagte: „Der erste Schuss war für Napoleon, der zweite für den Zaren, der dritte für uns.“ Lachen auf dem Schlosshof. Dann erhoben die Vertreter der "Polnischen Gesellschaft" das Glas auf die Gäste aus Sachsen-Anhalt. Es gab johannesbeerfarbenen Sherry.

Es passiert nicht häufig, dass deutsche Politiker in der polnischen Kleinstadt Pułtusk vorbeischauen. Häufiger kommen Astronomen, Gesteinsforscher und Journalisten, die in den umliegenden Wäldern nach Meteoritenresten suchen, erzählte Anna Henrykowska den Gästen aus Sachsen-Anhalt. Anna Henrykowska ist eine kleine, quirlige Frau mit Brille, ein wandelndes Lexikon. Sie leitet das Regionalmuseums in Pułtusk . "Am 30. Januar 1868 fielen in unserer Region 200.000 Meteoriten vom Himmel", sagte Anna Henrykowska. "Die Menschen dachten, die Apokalypse sei gekommen. Viele Häuser brannten, aber es gab keine Toten." Nicht ohne Grund erwähnte Anna Henrykowska auch das sagenhafte Goldland Eldorado, denn die Überreste des Steinmeteoriten von Pułtusk sind heute so wertvoll wie gelbes Edelmetall. „Ein Gramm Meteorit ist genauso teuer wie ein Gramm Gold“, sagte Anna Henrykowska, bevor die Delegation aus Sachsen-Anhalt weiter nach Płock reiste, in die älteste Stadt Masowiens.

Adam Struzik, der Marschall der Wojewodschaft Masowien, leitete als Arzt für innere Medizin jahrelang ein Krankenhaus in Płock. Struzik ist der wichtigste Kontaktmann für Reiner Haseloff in Polen. Er kann Türen öffnen. Am Samstag eröffneten beide Politiker in Płock aber erst einmal eine Wanderausstellung. Sie trägt den Titel „Sachsenspiegel und Magdeburger Recht – Grundlagen für Europa“ und ist im Masowischen Museum von Płock sehen. Kurz vor der Ausstellungseröffnung hatte mich Reiner Haseloff noch einmal auf den verpufften Schuss aus der Begrüßungskanone angesprochen. „Wir müssen uns in Demut eingestehen, dass wir nicht die lautesten sind“, sagte er, "aber wir sind trotzdem zu hören."

Nach zehn Jahren Partnerschaft mit Masowien will Reiner Haseloff neue Akzente setzen. „Wir haben uns bisher vor allem auf unsere Kontakte in Warschau konzentriert“, sagte er. „In Zukunft werden wir auch im ländlichen Masowien versuchen, Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen, kulturelle Brücken zu bauen und den Jugendaustausch zu fördern.“ Der Ministerpräsident will sich zum Beispiel dafür einsetzen, dass mit der „Polnischen Gesellschaft“ in Pułtusk Jugendaustauschprogramme organisiert werden. Als ich mir diese Nachricht in mein Notizbuch schrieb, hatte ich noch nicht gelesen, dass die „Polnische Gesellschaft“ in Pułtusk mit Vorliebe Kinder und Jugendliche in feinem Tischbenehmen ausbildet. Ich glaube, der Ministerpräsident war zu diesem Zeitpunkt genauso ahnungslos wie ich.


Auf Schloss Pułtusk werden Gäste mit Kanonendonner empfangen.

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