Liveblog Sachsen-Anhalt

Die geteilte Stadt Live

Von Stephan Schulz | 22. Januar 2014

Am Samstag lebte ich für zwei Stunden in einer geteilten Stadt.
Auf den Magdeburger Elbbrücken standen Bereitschaftspolizisten und erklärten die östlichen Stadtteile zum Sperrgebiet. Selbst Anwohner kamen nicht mehr durch. Die Polizei wollte mit der Aktion verhindern, dass es am Bahnhof Herrenkrug und am Jerichower Platz zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und Autonomen kommt.

Doch musste dafür gleich eine ganze Stadt zweigeteilt werden? Ich finde: Nein! Mit der Aktion wurde aus meiner Sicht die Bewegungsfreiheit von unbeteiligten Personen unzulässig eingeschränkt. Außerdem wurde so Hunderten Schülern, Lehrlingen, Studenten und Politikern die Möglichkeit genommen, friedlich in Hör- und Sichtweite der Neonazis zu protestieren. Das halte ich für falsch.

Dennoch rechne ich es der Polizei hoch an, dass sie versucht hat, vorausschauend für Sicherheit zu sorgen. Allerdings sagt die Polizei nun selbst, dass die Sperrung der Elbbrücken keine so gute Idee war. Offiziell spricht man von einer Kommunikationspanne zwischen der Einsatzleitung und den Bereitschaftspolizisten vor Ort. Demnach sollten die Elbbrücken eigentlich nur kurzzeitig gesperrt werden. Diese Kommunikationspanne offen einzuräumen, finde ich nicht nur ehrlich, sondern auch mutig.

Mutig waren und sind in meinen Augen auch die vielen überwiegend jungen Leute, die den Neonazis am Samstag nicht die Straße überlassen wollten. Sie haben es durch kreative Aktionen - etwa auf der Meile der Demokratie - geschafft, dass die Neonazis nicht in der Innenstadt von Magdeburg marschieren konnten, wie es vor einigen Jahren noch üblich war. Das ist ein großer Erfolg.

Kein Verständnis habe ich hingegen für jene Chaoten, die Brandanschläge auf Bahnanlagen verübten, um den Neonazis die Anreise nach Magdeburg zu erschweren.

Gleichzeitig habe ich mich darüber gewundert, dass die Neonazis mit einer S-Bahn hin- und hergefahren wurden, bis sie endlich am Stadtrand von Magdeburg demonstrieren konnten.

Ich finde, es ist nicht Aufgabe der Polizei, einen Shuttle-Service für Neonazis mit zu organisieren. Stattdessen hätte ich mir gewünscht, dass die Einsatzleitung der Polizei den Anmelder der Neonazi-Demonstration bereits am Jerichower Platz aufgefordert hätte, mit seiner Kundgebung zu beginnen, auch wenn der Großteil der Teilnehmer wegen der vielen Gegendemonstranten noch nicht am Veranstaltungsort war.

Dann wäre der Spuk vielleicht schon am Nachmittag vorbei gewesen.

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