Liveblog Sachsen-Anhalt

"Wer in der Küche steht, muss Hitze vertragen könnnen." Live

Von Stephan Schulz | 7. März 2014

Vor vier Tagen saß ich im Büro von Henry Liebe und bat um einen Kugelschreiber.
Henry Liebe ist der Pressesprecher des Jerichower Landes. Er hat viele Kugelschreiber, von denen aber nur die wenigsten schreiben. Während Henry Liebe eine Mine nach der anderen auf ihre Schreibfähigkeit testete, unterhielten wir uns über seinen Dienstherren, über Landrat Lothar Finzelberg. Der 60jährige soll in mafiöse Müllgeschäfte verstrickt gewesen sein. Deswegen steht er seit fast vier Jahren im Visier der Staatsanwaltschaft Stendal. Andere Politiker hätten ihr Amt während der Ermittlungen vermutlich längst ruhen lassen, um sich aus der Schusslinie zu nehmen, vor allem aber, um die eigenen Mitarbeiter zu schützen. Nicht so Lothar Finzelberg. Er klammert sich an seinen Landratsposten und wirkt dabei gelegentlich wie ein Pitbull, der sich festgebissen hat und nun nicht mehr loslassen kann, obwohl es vermutlich für ihn und sein Umfeld besser wäre.

Als ich am Dienstag im Büro seines Pressesprechers auf ihn wartete, um ihn zu interviewen, ging mir immer wieder dieselbe Frage durch den Kopf: „Wie schaffen es die Mitarbeiter der Burger Kreisverwaltung seit fast vier Jahren, sich ihrem Vorgesetzten gegenüber loyal zu verhalten, wenn dieser Vorgesetzte sich womöglich von skrupellosen Geschäftsleuten hat bestechen lassen?“ Henry Liebe jedenfalls kann mit der verzwickten Situation gut umgehen. „Ich bewundere den Landrat für sein Rückgrat“, sagte er, "andere hätten längst aufgegeben." Während unseres Gespräches machte mich Henry Liebe auf einen Artikel aus dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ aufmerksam, in dem deutsche Staatsanwälte als Scharfmacher beschrieben werden. Die Botschaft, die der Pressesprecher vermitteln wollte: Lothar Finzelberg ist ein Opferlamm, das von der Justiz gejagt wird. Ich selbst halte das für eine wilde Verschwörungstheorie. Allerdings bin ich in einem Punkt an der Seite von Henry Liebe: Für jeden Verdächtigen einer Straftat hat die Unschuldsvermutung zu gelten, bis zum Beweis des Gegenteils, auch für Lothar Finzelberg.

Nachdem ich mich gut 15 Minuten mit Henry Liebe unterhalten hatte, betrat der Landrat das Büro. Er kochte innerlich.
Sein Gesicht war voller roter Flecken und seine Augen hatten etwas Lauerndes. Am Morgen, beim Lesen der Zeitung, war ihm der Appetit auf sein Frühstücksbrot vergangen. Die Magdeburger Volksstimme berichtete darüber, dass die Kreistagsmitglieder des Jerichower Landes per E-Mail darüber informiert worden seien, dass die Staatsanwaltschaft Stendal den Landrat wegen Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung anklagen werde. Die Anklageschrift könne im Kreistagsbüro eingesehen werden, hieß es.  Dieser Zeitungsbericht war Wasser auf die Mühlen von Lothar Finzelberg, er bestärkte ihn in seiner Opferrhetorik. „Das ist eine riesige Sauerei, dass ich von der Anklageschrift aus der Zeitung erfahren muss“, sagte er. „Es ist eine bewusst gesteuerte Kampagne, um die Mitglieder des Kreistages zu beeinflussen.“ Mit dieser Annahme dürfte Lothar Finzelberg nicht einmal falsch liegen. Einen Tag nach unserem Treffen wurde er vom Dienst suspendiert, vorerst für drei Monate, mit den Stimmen der meisten Kreistagsmitglieder. Doch auch ohne den Zeitungsbericht wäre der Landrat vermutlich nicht mehr im Amt tragbar gewesen. Denn was ihm die Staatsanwaltschaft Stendal in ihrer fast 700 Seiten umfassenden Anklageschrift vorwirft, ist kein Kavaliersdelikt. Lothar Finzelberg soll 262.000 Euro Bestechungsgeld von den Betreibern der Tongruben in Vehlitz und Möckern angenommen haben. Im Gegenzug soll sich der Landrat dafür eingesetzt haben, dass die Geschäftsleute mit den Stempeln der Behörden gigantische Geldsummen mit dem Verklappen von Müll verdienen konnten. Bis zu 1,3 Millionen Tonnen Hausmüll sollen in die Tongruben in Vehlitz und Möckern gelangt sein, Müll, der sich in giftige Gase verwandelte. Allein die Sicherung der Tongruben wird nach Angaben des zuständigen Bergamtes insgesamt 30 Millionen Euro kosten, Steuergeld wohlgemerkt.

Am Donnerstag veröffentlichte die Staatsanwaltschaft Stendal nun eine Pressemitteilung, die erahnen lässt, dass der Fall Finzelberg genügend Stoff bietet für einen handfesten Wirtschaftskrimi.
Mehr als 100 Zeugen werden durch die Ermittler benannt, mehr als 800 Beweismittel wie Urkunden und E-Mails aufgelistet, die beweisen sollen, dass Lothar Finzelberg in schmutzige Geschäfte verstrickt war. Der Landrat will sich zu den Vorwürfen persönlich nicht mehr äußern. Er hat aber bereits angekündigt, dass er sich gegen seine Suspendierung wehren und im Mai erneut bei der Landratswahl im Jerchichower Land kandidieren werde. Sein Leipziger Anwalt Andreas Meschkat sagt, sein Mandant sei nach wie vor von seiner Unschuld überzeugt. Die Staatsanwaltschaft Stendal würde sich auf einen dubiösen Hauptbelastungszeugen berufen, der nur deshalb früher aus dem Gefängnis entlassen worden sei, weil er gegen Lothar Finzelberg ausgesagt habe. Die Vorwürfe gegen den Landrat sind aus Sicht des Anwalts haltlos.

Ich habe Lothar Finzelberg das letzte Mal am Dienstag gesehen. Als wir uns verabschiedeten, wollte ich von ihm wissen, wie er mit dem Druck, der auf ihm lastet, leben kann. „Wer in der Küche steht, muss Hitze vertragen können“, lautete seine Antwort.

Optionen

Kommentare
Klänge
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform

MDR SACHSEN-ANHALT bei Twitter