Liveblog Sachsen-Anhalt

"Sachsen-Anhalter kühlen besonders gern." Live

Von Stephan Schulz | 9. März 2014

Meine schlimmsten Befürchtungen sind wahr geworden.
Ich lebe nicht nur im Land der Frühaufsteher, sondern auch im Land der Tiefkühler. Alles, aber auch wirklich alles wird in Sachsen-Anhalt schockgefrostet – Spargel, Zuckerrüben, Bördekartoffeln, falsche Hasen und vieles mehr.

Glauben Sie nicht? Stimmt aber. Das Statistische Landesamt mit Sitz in Halle hat den Beweis geliefert. Am 5. März 2014, dem Tag der Tiefkühlkost, veröffentlichte die Behörde eine Pressemitteilung mit der denkwürdigen Überschrift: „Sachsen-Anhalter kühlen besonders gern.“ Die Statistiker ermittelten für das vergangene Jahr beispielsweise, „dass in 99,8 Prozent aller Haushalte mindestens ein Kühlschrank stand und der Ausstattungsgrad damit sogar um 0.1 Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt lag.“ Endlich sind wir also wieder wer. Wir sind deutscher Kühlmeister und das, verglichen mit den kurzen Zeitabständen beim Bobfahren, mit beachtlichen 0,1 Prozentpunkten Vorsprung.

Ich würde mich ja nun gern aufs Siegertreppchen stellen und mitjubeln, aber ich kann nicht, weil ich die ganze Zeit an Mecki denken muss, meinen Wellensittich aus Kindheitstagen. Der muntere, grüne Piepmatz wohnte in unserer Küche in einem Vogelbauer direkt neben der Spüle. Die Gittertür seines Käfigs stand tagsüber immer offen, und so flatterte Mecki ausdauernd in der Küche herum. Dabei rief er: „Hast Du kalte Beinchen?“ Das Sprechen hatte der Wellensittich von meiner Schwester gelernt, der Vogelflüsterin. Soweit ich mich erinnern kann, führte Mecki ein glückliches Leben in unserer Küche, bis meine Mutter eines Tages unsere Tiefkühltruhe öffnete, und der Wellensittich in einem unbeobachteten Moment hineinschlüpfte. Meine Mutter schloss den Deckel der Truhe wieder und ging einkaufen. Nun saß Mecki in der Falle. Ich vermute ja, dass er in seiner Not immer wieder gerufen hat: „Ich habe kalte Beinchen!“ Aber leider hörte niemand seinen Hilferuf. So starb der kleine Mecki inmitten gefrosteter Erdbeeren und Entenkeulen den Kältetod. Meine Schwester und ich begruben ihn unter einer Nordmanntanne.

Nachdem ich mir Mecki`s Tod nun noch einmal bildlich vor Augen führen durfte – den Statistikern des Landes sei Dank – mache ich mir ein wenig Sorgen um die vielen Ziervögel zwischen Arendsee und Zeitz. Wie viele von ihnen wird wohl das gleiche Schicksal ereilen wie Mecki? Die Gefahr der Schockfrostung steigt jedenfalls in Sachsen-Anhalt rasant an, auch das haben die Statistiker herausgefunden. In ihrer Pressemitteilung zum Tag der Tiefkühlkost heißt es: „Bei der Ausstattung mit Gefrierschrank oder –truhe lagen die Haushalte in Sachsen-Anhalt mit 46, 4 Prozent zwar noch unter dem Bundesdurchschnitt von 50,5 Prozent, aber schon deutlich über dem Durchschnitt der neuen Bundesländer mit 40,9 Prozent.“ Es scheint mir jetzt nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis entlang der Autobahnen in Sachsen-Anhalt Schilder aufgestellt werden mit der Aufschrift: „WIR sind die Cool-sten!“

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