Liveblog Sachsen-Anhalt

Die Dialektik der Abseitsfalle Live

Von Stephan Schulz | 12. März 2014

Am Dienstagnachmittag saß ich im Keller der Magdeburger Staatskanzlei und moderierte die Landespressekonferenz. Die Landespressekonferenz ist ein Frage-Antwort-Spiel zwischen Politikern und Journalisten. Es wird normalerweise im Landtagsgebäude am Domplatz gespielt. Seit der Landtag jedoch umgebaut wird, gehen der Ministerpräsident, seine Minister und einige handverlesene Journalisten in den Keller, wenn sie miteinander reden wollen. Bei diesen Treffen wird häufig auch gelacht. Meistens sind die Landespressekonferenzen hochinformativ, manchmal sind sie aber auch zäh und langatmig. Das liegt dann entweder an der Thematik oder den Referenten.

Gestern fiel es mir jedenfalls schwer, aufmerksam zuzuhören. Finanzminister Jens Bullerjahn jonglierte neben mir mit Zahlen, als gebe es nichts Schöneres auf der Welt. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann ist der 21 Milliarden Euro große Schuldenberg des Landes im vergangenen Jahr kleiner geworden, um phänomenale 50 Millionen Euro. „Das ist die größte Schuldentilgung in der Geschichte des Landes“, sagte Jens Bullerjahn. Um mich mit ihm freuen zu können, dachte ich an die Polkappen, die ja auch kleiner werden, ohne dass man es mit dem bloßen Auge gleich sieht. Der Vergleich hinkt zwar, aber er ist so schön bildlich. Ich lass ihn so stehen.

Als Jens Bullerjahn ins Detail ging und über Tilgungspläne, Steuerschwankungsreserven und Kapitalbestände referierte, stieg ich gedanklich komplett aus. Ich dachte plötzlich an Uli Hoeneß und die Dialektik der Abseitsfalle. Uli Hoeneß ist Würstchenproduzent und leitender Sprücheklopfer beim FC Bayern München. Er soll 27, 2 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben. Die Dialektik der Abseitsfalle ist ein Magdeburger Hobbyfußballverein, der Anfang der 90er Jahre gegründet wurde und bei dem ich jeden Dienstagabend das runde Leder trete. (Der Verein firmiert inzwischen unter einem anderen Namen.) Nach jedem Spiel sitzen meine Fußballfreunde und ich noch eine Weile in der Umkleidekabine zusammen. Wir trinken fast ausnahmslos alkoholfreies Bier und unterhalten uns über dies und das. Manchmal kommen wir auch auf Jens Bullerjahn und seine beinharten Sparvorgaben zu sprechen. Jens Bullerjahn gehörte selbst einmal zu den Dialektikern der Abseitsfalle. Aber das war weit vor meiner Zeit. Einige meiner Fußballfreunde haben Jens Bullerjahn aber noch auf dem Spielfeld erlebt. Sie sagen, der Jens sei sehr ehrgeizig gewesen, und er habe wunderbar holzen können.

Der Gedanke, dass Jens Bullerjahn ein begeisterter Fußballer ist, machte ihn mir am Dienstagnachmittag im Keller der Magdeburger Staatskanzlei irgendwie sympathisch, auch wenn ich es nie verstehen werde, wie sich ein Mann, der AC/DC und Metallica hört, den ganzen Tag über mit Zahlen beschäftigen kann. Aber vielleicht muss man ja Hardrocker sein, um als Finanzminister zu bestehen. Ich hatte jetzt jedenfalls eine Geschichte im Kopf, die sich lebendig anfühlte. Ich ging nach der Landespressekonferenz zu Jens Bullerjahn und fragte ihn, was er als Alte-Herren-Fußballer über Uli Hoeneß denkt. Der Finanzminister sagte, er habe beruflich ja viel mit Steuersündern zu tun, aber das ein so erfolgreicher Mann wie Uli Hoeneß über 27 Millionen Euro Steuern hinterzogen habe, das sei schockierend. Uli Hoeneß müsse nun schnell als Präsident des FC Bayern München zurücktreten, sagte der Finanzminister. Das waren zwei zitierfähige Sätze. Mein Tag war gerettet.



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