Liveblog Sachsen-Anhalt

Der Aufmüpfige Live

Von Stephan Schulz | 26. März 2014

Wir befinden uns im Jahre 2014 n. Chr. Ganz Sachsen-Anhalt beugt sich den Schulschließungsplänen der Landesregierung. Ganz Sachsen-Anhalt? Nein! Ein ehemaliger Lehrer aus der Schweiz, der jahrelang in der Türkei gelebt hat und sich dort für den Erhalt eines Strandes einsetzte, an dem Meeresschildkröten ihre Eier ablegen, hört nicht auf, sich zu widersetzen. Er ist wie eine Klette. Er lässt sich nicht abschütteln. Das macht den politisch Verantwortlichen von CDU und SPD das Leben schwer.

Der Aufmüpfige heißt Walter.
Walter Helbling (62). Er mag die Comic-Helden Asterix und Obelix, die sich unbeugsam gegen die Römer zur Wehr setzten. Auch Walter Helbling ist unbeugsam. Allerdings wehrt er sich nicht gegen Römer, sondern gegen die Landesregierung von Sachsen-Anhalt. Er trägt mit Vorliebe Lederjacke, und er zieht die Stirn kraus, wenn er der Schulpolitik von Kultusminister Stephan Dorgerloh verbal den Mittelfinger zeigt. Die Wirren des Lebens haben ihn vor drei Jahren nach Welbsleben im Landkreis Mansfeld Südharz verschlagen, wo er sich ein Haus kaufte. Eigentlich wollte er mit seiner Frau die Ruhe des Landlebens genießen. Doch seit Sommer 2013 führt Walter Helbling kein ruhiges Leben mehr. Er hat mit Freunden das Aktionsbündnis "Grundschulen vor Ort" gegründet. Dieses Bündnis versucht, die Schulentwicklungsplanung von Kultusminister Stephan Dorgerloh ad absurdum zu führen.

 Asterix in Sachsen-Anhalt: Walter Helbling


"Der Kampf ist noch lange nicht vorbei!"

Als Schweizer hat Walter Helbling erlebt, wie Dörfer veröden, wenn Schulen geschlossen werden. Er will verhindern, dass in Sachsen-Anhalt der gleiche Fehler gemacht wird. Deswegen hat er für Grundschulen mit geringen Schülerzahlen vorgeschlagen, die Klassen 1 und 2 sowie 3 und 4 zusammenzulegen und von jeweils einem Lehrer unterrichten zu lassen. Aus seiner Sicht könnte die Landesregierung so Kosten für Lehrerstellen sparen und die kleinen Dorfschulen erhalten. Doch sein Vorschlag wird von den Bildungsexperten des Kultusministeriums belächelt. "Was Sie wollen, ist Schule aus dem letzten Jahrhundert", soll ein Ministeriumsmitarbeiter zu ihm gesagt haben. Dieser Satz wäre wohl besser nicht gefallen. Denn Walter Helbling ist der Typ Mann, der sich festbeißt, wenn er abgebügelt wird. "Der Kampf ist noch lange nicht vorbei", sagte er am Montag in einem Magdeburger Kaffeehaus, nachdem bekanntgeworden war, dass in diesem Jahr die ersten 23 Grundschulen in Sachsen-Anhalt geschlossen werden. Walter Helbling meint es ernst. Er will die Schulentwicklungsplanung des Kultusministeriums stoppen. Deshalb sucht er nächtelang nach Schwachstellen. Und er glaubt, auch fündig geworden zu sein.

Schwachstelle Nr. 1: Laut Landesregierung wird in Sachsen-Anhalt zu viel Geld für kleine Schulen ausgegeben. Um Kosten zu sparen, sollen sie dicht gemacht werden. Doch zieht das Kostenargument? Walter Helbling und seine Freunde haben sich die Mühe gemacht, auf Basis von Zahlen des Landesamtes für Statistik in Halle nachzurechnen. Das Ergebnis: Mit der Schließung von Grundschulen werde das Land unterm Strich 2.036, 40 Euro einsparen. Sollten die Hobbymathematiker richtig gerechnet haben, dann wäre die Schulentwicklungsplanung des Landes wirklich ad absurdum geführt.

210 Minuten Fahrt zur Schule

Schwachstelle Nr. 2: Die langen Fahrtzeiten für Schüler. Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh hält 45 Minuten für rechtlich zulässig. Allerdings sind für die Schülerbeförderung die Landkreise zuständig. Und da gebe es schon heute Fahrtzeiten für sechsjährige Mädchen und Jungen, die unzumutbar seien, sagt Walter Helbling. Im Saalekreis seien einige Kinder teilweise 210 Minuten am Tag unterwegs, um morgens in die Schule und nachmittags wieder nach Hause zu kommen, im Landkreis Stendal seien es 160, im Burgenlandkreis 150 und im Landkreis Anhalt-Bitterfeld 140 Minuten. Walter Helbling hat neben der reinen Fahrtzeit auch die Wartezeit vor und nach der Schule und die Umsteigezeit mit eingerechnet. Er hält es für verantwortungslos, dass in Sachsen-Anhalt Kinder um 5.15 Uhr aufstehen müssen, um pünktlich zur Schule zu kommen. Über das Aktionsbündnis "Grundschulen vor Ort" hat er die Kreistage nun aufgefordert, die Fahrtzeit auf maximal 45 Minuten pro Strecke zu begrenzen.

Schwachstelle Nr. 3: Walter Helbling vermisst eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung für die Schulentwicklungsplanung. Deswegen wollen er und seine Freunde die Schließung der Grundschulen vor Gericht anfechten lassen, sofern das geht. Die Aktivisten prüfen ihre Möglichkeiten noch.

Als Walter Helbling vor zehn Jahren seine Lehrerstelle in Zürich kündigte, ließ er sich einen Teil seiner Rente in bar auszahlen. Er ist finanziell unabhängig, und er hat Zeit, viel Zeit. Die nutzt er, um sich mit der Landesregierung anzulegen. Im Internet zieht er seit Monaten Kommunalpolitiker, Lehrer und Eltern auf seine Seite. Am Rande der Landtagssitzung am Donnerstag wollen sie lautstark protestieren. Wieder unter dem Motto: "Stoppt Grundschulschließungen! – Fördert Landschulen!" Zeitgleich wird der Landtag auf Antrag der Linkspartei darüber abstimmen, ob die Schulentwicklungsplanung von Kultusminister Stephan Dorgerloh vorübergehend gestoppt wird. Und Walter Helbling und seine Mitstreiter sind natürlich dabei. Unbeugsam, eben wie das kleine Dorf in Gallien.

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