Liveblog Sachsen-Anhalt

Der Eiermann Live

Von Stephan Schulz | 18. April 2014


Vor gefühlt zwei Jahrzehnten lief ich durch die Flure des Magdeburger Landwirtschaftsministeriums und dachte an den Eiermann von Klaus & Klaus: "Das sind die allergrößten Dotter, die man jemals sah, unsere Eier, die sind Güteklasse A. Klingelingeling, klingelingeling…“ Mir war der Gassenhauer in den Sinn gekommen, weil in meiner Mikrofontasche an diesem Tag ein Hühnerei lag – sicher eingeschlagen in Verpackungsfolie. Es sah so ganz anders aus als die Eier, die ich aus dem Supermarkt kannte. Es war fast so groß wie ein Tennisball und die Schale leuchtete lindgrün. Entdeckt hatte ich das Ei im Kühlschrank eines Freundes. Ich hatte es für ein frühzeitig eingefärbtes Osterei gehalten, aber der Freund sagte, es sei echt. Er hatte auch gleich die Schöpfungsgeschichte vom lindgrünen Hühnerei parat. Allerdings weiß ich nicht, ob sie stimmt. In grauer Vorzeit, so der Freund, hätten deutsche, französische oder chilenische Hausgockel – so genau wusste er das nicht mehr – irgendwelche Wildhühner getreten. Herausgekommen sei jene Rasse, die grüne Eier legt. Das könne jeder in jedem Lexikon nachlesen, behauptete der Freund.


Ich war begeistert: "Hühner, die grüne Eier legen – unglaublich!" Als ich die Geschichte in der Redaktion erzählte, erhielt ich umgehend den Auftrag, einen vorösterlichen Radiobeitrag über grüne Eier zu produzieren. Was ich auf die Schnelle brauchte, war ein Eierexperte, der mir einige eierspezifische Fragen beantworten konnte: Welche Hühnerrassen legen lindgrüne Eier? Wie lässt sich ihre ungewöhnliche Farbgebung erklären? Warum sind lindgrüne Hühnereier so wenig bekannt? Warum schaffen sie es nicht in die Kühltruhen der Supermärkte? Ich rief in der Pressestelle des Magdeburger Landwirtschaftsministeriums an und erkundigte mich nach einem Eierexperten. Mir wurde Dr. Eisenhut empfohlen. Dr. Eisenhut war zu jener Zeit der oberste Lebensmittelhüter in Sachsen-Anhalt, ein behäbiger Beamter kurz vor dem Ruhestand. In meiner Erinnerung nippte er gerade an einer Kaffeetasse, als ich sein Büro betrat. Wir begrüßten uns per Handschlag und tauschten einige Höflichkeitsfloskeln aus. Anschließend schaltete ich mein Mikrofon ein und präsentierte ihm mein lindgrünes Hühnerei. Jedes Wort, das wir von nun an wechselten, habe ich aufgezeichnet, konserviert für die Nachwelt. Das hat den Vorteil, dass ich Dr. Eisenhut noch immer wortwörtlich zitieren kann.


"Ich weiß ja nicht, wer Vater und Mutter von diesem Ei sind", sagte er, "aber ich weiß, dass es auf der Welt Hühnerrassen gibt, die solche grünen Eier legen. Allerdings kleinere Eier, als mir hier dargestellt ist.“ Das Ei war wirklich riesig. Doch war es deswegen gleich ein Mutantenei, eine Novität der Schöpfung? Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sich Dr. Eisenhut verkackeiert fühlte. Und so war es auch. Er dachte, ich hätte das Ei grün angemalt. Aber die lindgrüne Farbe war wirklich echt. Dr. Eisenhut wollte sich davon aber lieber selbst überzeugen. Er nahm das Ei zwischen Daumen und Zeigefinger und sagte: "Da dieses Ei beschmutzt ist, gehe ich mal davon aus, dass es auf natürlichem Wege zu ihnen gekommen ist. Es ist also offiziell gelegt, und ich nehme mal ganz stark an, dass diese grüne Farbe nicht nachträglich aufgebracht wurde."


So richtig überzeugt war Dr. Eisenhut aber noch immer nicht. Er schlug vor, die Echtheit des lindgrünen Hühnereis im Labor überprüfen zu lassen. Ich hatte keine Einwände. Der Lebensmittelhüter wollte bei der Gelegenheit gleich mit testen lassen, ob mein lindgrünes Hühnerei gesundheitsfördernde Eigenschaften besitzt. "Wenn das Ei einen geringeren Cholesteringehalt hat und das auch noch beweisbar ist, dann könnte der Hennenhalter seine Eier entsprechend teuer vermarkten“, sagte Dr. Eisenhut. Ich glaube, er  träumte in diesem Moment von einer Eier-Offensive, von Sachsen-Anhalt als dem Land der grünen Hühnereier. Doch sein Traum ging nicht in Erfüllung. Seine eierkundigen Laborexperten teilten ihm nach unserem Treffen mit, dass sich lindgrüne Hühnereier nicht als Exportschlager eignen, da es solche Eier schon seit Ewigkeiten in jedem Bundesland gibt.


Frohe Ostern allerseits!

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