Liveblog Sachsen-Anhalt

Helmut Sackers starb, weil er Zivilcourage zeigte Live

Von Stephan Schulz | 30. April 2014

Die Jahre vergehen, aber der Schmerz bleibt.
Heide Dannenberg hält ihn aus so gut es eben geht. Sie steht mit einer Rose in der Hand auf einer Wiese in Halberstadt. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern. Ein abgestorbener Kirschbaum markiert die Stelle, an dem der Plattenbau stand, in dem ihr Lebensgefährte Helmut Sackers vor 14 Jahren verblutete. Er hatte einem Nachbarn mit einer Anzeige bei der Polizei gedroht, weil dieser in voller Lautstärke das Horst-Wessel-Lied hörte, die Parteihymne der NSDAP. Der 60jährige Rentner zeigte Zivilcourage und zahlte dafür mit dem Leben. Sein Nachbar tötete ihn mit vier Messerstichen. Er wurde dafür nie verurteilt. Die Richter mehrerer Instanzen erkannten auf Notwehr, obwohl sie Zweifel an der Aussage des Nachbarn hatten.

Stephan Schulz traf Heide Dannenberg in Halberstadt.
von Stephan Schulz

Heide Dannenberg ist noch einmal an den Tatort zurückgekehrt, um an Helmut Sackers, ihre große Liebe, zu erinnern.
Sie ist nicht alleine. Sechzig Schüler, Studenten, Vertreter der Stadt, Opferberater, Freunde und Bekannte sind bei ihr. Sie wollen Heide Dannenberg mit ihrer Trauer nicht alleine lassen. Sie setzen sich dafür ein, dass in Halberstadt ein Ort des Erinnerns für Helmut Sackers geschaffen wird. Der Verstorbene ist bis heute nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt, obwohl der politische Hintergrund seines Todes jedem auffallen müsste, der hinsieht.

In der Wohnung des Nachbarn, der Helmut Sackers tötete, stellten Ermittler über 80 zumeist indizierte CDs mit neonazistischen Kampfliedern sicher, u.a. von „Landser“, „Blue Eyed Devils“ und „Freikorps“. Außerdem hortete der damals 29jährige Skinhead Kassetten und Videos des verbotenen Neonazinetzwerks „Blood & Honour“.  Helmut Sackers würde vermutlich noch leben, wenn er am 29. April 2000 weniger mutig gewesen wäre und seinen Nachbarn nicht aufgefordert hätte, die Nazi-Musik auszustellen. Doch er tat das, was Politiker damals landauf landab von den Bürgern einforderten. Er zeigte Zivilcourage.

Am Grab von Helmut Sackers gedachten 60 Menschen dem erstochenen Halberstädter.

Vor 14 Jahren war sich Heide Dannenberg sicher, dass der Nachbar zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt wird. Doch es kam anders. Der Nachbar hatte im Gerichtssaal ausgesagt, dass er Todesangst hatte und deshalb zustach. Er habe befürchtet, dass ihn Helmut Sackers eine Kellertreppe hinunterstoßen würde, wenn er sich nicht wehrt. Die Fallhöhe: 1,43 Meter.

Psychiatrische Sachverständige bescheinigten dem Nachbarn eine posttraumatische Belastungsstörung. Er sei in den neunziger Jahren, als er der Skinheadszene angehörte, selbst mit einem Messer attackiert und schwer verletzt worden. Deswegen könne nicht ausgeschlossen werden, dass er sich von dem lungenkranken und körperlich unterlegenden Rentner Helmut Sackers tatsächlich bedroht fühlte und ihn aus einem „intensiven Notwehrexzess“ heraus tötete. Das war der Freispruch.

Heide Dannenberg kann sich nur schwer damit abfinden, dass der Tod ihres Lebensgefährten ungesühnt blieb. Sie will nicht, dass Helmut Sackers umsonst gestorben ist. Deshalb rührt es sie auch zu Tränen, dass Jugendliche aus Halberstadt gemeinsam mit der Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt sich dafür einsetzen, dass für Helmut Sackers ein Ort des Gedenkens gefunden wird. Als sie eine Rose auf das Grab des Verstorbenen legt, ermuntert sie die Anwesenden, die sie zum Friedhof begleitet haben, nicht aufzuhören, sich über rechte Gewalt zu empören.

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