Liveblog Sachsen-Anhalt

Die Kunst des Überlebens Live

Von Stephan Schulz | 14. Mai 2014

Coco Schumann ist eine Swing-Legende.
Und er ist einer der letzten Zeitzeugen, die Theresienstadt und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt haben. Er musste in den Lagerbands der Nationalsozialisten die Begleitmusik zum Tod spielen. Das rettete ihm das Leben. Heute begeht Coco Schumann im engsten Freundeskreis seinen 90. Geburtstag.

Ich habe Coco Schumann vor einigen Jahren in Berlin kennengelernt, im legendären Jazzclub Badenscher Hof in Wilmersdorf. Auf der Bühne saß ein kleiner, rundlicher Herr. Er begleitete seine Musiker auf der E-Gitarre. Zwischen den Musiktiteln erzählte er Altherrenwitze. Nichts deutete darauf hin, dass er als junger Mann unzählige Menschen hat sterben sehen.
 
Freunde von Coco Schumann hatten mich zu dem Konzert im Badeschen Hof mitgenommen. Sie verehren den Musiker seit vielen Jahren. Ich kannte ihn bis zu diesem Abend nicht. Nach dem Konzert wurden wir einander vorgestellt. Wir saßen gemeinsam an einem Tisch und unterhielten uns. In dem Gespräch ging es um Musik. Vor allem aber ging es um die Kunst des Überlebens.

Coco Schumann entdeckte seine Leidenschaft für den Jazz im Berlin der 30er Jahre.
Nachts, wenn andere schliefen, zog es ihn zu den Lüftungsschächten einschlägiger Lokale. "Da kam immer diese parfümgeschwängerte Luft raus und diese wunderbare Musik. Ich konnte da stundenlang stehen. Es gab nichts Schöneres für mich."

Als Jugendlicher spielte Coco Schumann bereits in verschiedenen Berliner Swingbands. Er hatte sich das Gitarre- und Schlagzeugspielen selbst beigebracht. Louis Armstrong und Ella Fitzgerald waren seine musikalischen Vorbilder. Dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht und das Leben wurde gefährlich für Coco Schumann. Er war der Sohn einer jüdischen Mutter. Schumann ignorierte die Gefahr und gab weiterhin Konzerte. "Die Musik war stärker als die Angst. Ich hatte gehofft, unentdeckt zu bleiben."

Doch im März 1943 wurde Coco Schumann verhaftet. Er kam nach Theresienstadt, später in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Er hat überlebt, weil er als "Ghetto-Swinger" musizierte, während die Nazis Millionen Juden ins Gas trieben. "Mir haben die Kinder leidgetan. Ich musste immer La Paloma spielen, als sie in die Gaskammern geschickt wurden. Die wussten, wo sie hingehen."

Die Gesichter der Kinder haben sich Coco Schumann auf die Netzhaut gebrannt. Trotzdem konnte er über das, was er im KZ gesehen hat, fast 50 Jahre lang nicht sprechen. Dann erschien seine Autobiografie: "Der Ghetto Swinger". Seither wird Coco Schumann nicht müde, vor allem Schülern vom dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zu erzählen: "Ich muss darüber sprechen, denn bald ist keiner mehr da, der das Grauen erlebt hat. Und es gibt ja genug, die laufen den Nazis schon wieder hinterher."

Doch wie hält Coco Schumann das Erinnern aus? "Ich habe Gott sei Dank eine glückliche Natur. Ich sag auch immer, ich jammere nicht, dass ich im Konzentrationslager war. Ich jubele, dass ich rausgekommen bin."

Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag, Coco Schumann!






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