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Einer Landeshauptstadt unwürdig – Muslime beten im Regen

Von Jana Merkel | 26. August 2014

„Islam heißt: der Frieden. Wir sind eine barmherzige Religion, nicht die Religion der Gewalt“, so betont es Moawia Al-Hamid, der Vorsitzende und Imam der Islamischen Gemeinde in Magdeburg. Er verurteilt in seiner Predigt die Gewalt von Terrorgruppen wie dem IS. Zum Fastenbrechen, einem von zwei großen Feiertagen im Islam, sind rund 600 Menschen in Magdeburgs Moschee gekommen.

Magdeburg hat eine Moschee?

Das fragen sich jetzt wohl die meisten. Hätte ich nicht jahrelang direkt nebenan gewohnt, wüsste ich es wahrscheinlich auch nicht. Das Gebäude ist unauffällig, ein alter Flachbau im Stadtzentrum, darunter ehemalige Kohlenkeller. In einem Wohngebiet in Magdeburgs Zentrum, in Sichtweite des Rathauses. Keine Minarette, keine Kuppel und vor allem: kein Platz für die Gläubigen. In die Räume passen maximal 250 Menschen. Zu jedem Freitagsgebet – das für die Muslime ein Pflichtgebet ist, wie für die Christen der Sonntagsgottesdienst – kommen aber rund 400 Menschen. Deshalb legen sie draußen vor der Baracke Teppiche aus und stellen große Schirme auf, um Sonne oder Regen abzuhalten.

Jeden Freitag legt die Islamische Gemeinde draußen vor der Moschee Teppiche aus. Rund 100 Muslime müssen draußen beten. Bei jedem Wetter.

Beten im strömenden Regen

Dieser Anblick irritiert manchen. Mich macht er traurig. Menschen, die hier leben, hier arbeiten, hier ihr Glück finden wollen: Studenten, Ingenieure, Ärzte, Gastronomen, Händler und auch Flüchtlinge, für die das Leben in ihrer Heimat unerträglich war. Auf dem Papier haben sie das Recht auf die freie Ausübung ihrer Religion. In der Realität knien sie jeden Freitag auf einem Gehweg in Magdeburg, werden nass, frieren oder bekommen einen Sonnenbrand. Verwunderte Blicke gibt es deshalb häufiger, Pöbeleien von Passanten soll es auch schon gegeben haben.

Beten unter Polizeischutz

Deshalb hat der Vorsitzende der Gemeinde, Dr. Al-Hamid, Dozent und Laborleiter an der Uni Magdeburg, die Polizei gebeten, an den Freitagen präsent zu sein. Zwei Beamte halten sich dezent im Hintergrund. Dr. Al-Hamid sagt: „Wir sind dankbar, dass die Polizei hier ist. Auch wenn bis heute alles friedlich war, mache ich mir Sorgen, dass es doch mal zu einem Konflikt kommen kann.“ Und ich frage mich: Muss das sein? Ist das einer Landeshauptstadt würdig?

Seit neun Jahren erfolglose Suche

Dringend bräuchten Magdeburgs Muslime ein anderes Gebäude. Die Wünsche klingen für mich bescheiden. Sie wollen keinen Moschee-Neubau. Eine Turnhalle oder ein altes Industriegebäude würde ihnen reichen. Mit Waschräumen, einer Küche, einem Büro und mit Bus und Bahn erreichbar. Sie würden gern ein Gebäude kaufen, um nicht mehr Miete zahlen zu müssen. Mit ihrem Vermieter, der WOBAU Magdeburg, haben sie nämlich nicht die besten Erfahrungen gemacht. Rund 1000 Euro Miete kassiert die WOBAU monatlich für die Baracke. Für 280 Quadratmeter, diverse kaputte Fenster, Sicherungskästen von anno dazumal und Wände ohne Isolierung. Im Winter falle häufiger die Heizung aus, erzählt der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde. Trotz mehrfacher Nachfrage verweigert die WOBAU ein Interview dazu, beantwortet Fragen nur schriftlich. Von den Mängeln sei nichts bekannt. Und das obwohl jede Woche der von der WOBAU beauftragte Hausmeister am Gebäude ist. Auf mich wirkt das eher wie Wegschauen und Kassieren.

Kaputte Fenster am Gotteshaus. Die einzige Magdeburger Moschee ist in schlechtem Zustand. 1000 Euro Miete zahlen die Muslime monatlich.

Oberbürgermeister: Wir sind nicht verpflichtet, aber…


Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper ist das Thema spürbar unangenehm. Es dauert lange, bis er sich überhaupt zu einem Interview durchringen kann.  Er erklärt: Rein rechtlich gebe es für die Stadtverwaltung keine Verpflichtung zu helfen. Dennoch sei man bemüht, bei der Suche nach einem neuen Gebäude zu unterstützen. Die kommunalen Bauten habe man geprüft: Nichts dabei. Mitarbeiter der Stadt haben in Immobiliensuchportalen private Angebote recherchiert. Bis heute ist aber noch keine Lösung in Sicht. Und das, wo die Gemeinde den Oberbürgermeister bereits vor fünf Jahren zum ersten Mal um Hilfe gebeten hat.

Einbahnstraße Integration?

In den Gesprächen mit den Gläubigen in der „Moschee“, die die Bezeichnung Gotteshaus kaum verdient, wird mir klar: Ich weiß wenig über den islamischen Glauben und auch ich habe Klischees im Kopf. Warum sonst bin ich so überrascht wie extrem freundlich, hilfsbereit und dankbar hier alle sind, dass wir uns überhaupt für sie interessieren. Seit 2002 ist die islamische Gemeinde Magdeburg e.V. ein Teil der Landeshauptstadt. Sie veranstalten kostenlose Deutschkurse für Einwanderer und Flüchtlinge, sie übersetzen ehrenamtlich behördliche Dokumente, laden Schulklassen ein und waren für einen Integrationspreis nominiert.
Sie tun, was sie können. Aber Integration ist doch keine Einbahnstraße, oder?

600 Menschen sind zum Fastenbrechen gekommen. Der Platz in der Moschee reicht nicht einmal für die Hälfte.

Eines ist gewiss: Es muss schnell wenigstens eine Übergangslösung gefunden werden. Denn der Winter kommt bestimmt. Und betende Muslime im Schnee – Das ist einer Landeshauptstadt unwürdig.


Die ganze Geschichte gibt es am Mittwoch im MDR Fernsehen ab 19 Uhr bei MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE und ab 20.15 Uhr bei Exakt.

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