Liveblog Sachsen-Anhalt

Emotion schlägt Verstand Live

Von Stephan Schulz | 23.10.2014

Ich starre auf Bierdeckel, die mir zuwider sind.
Auf den Bierdeckeln stehen Stammtischparolen. Sechs an der Zahl. In altdeutscher Schrift heißt es:  "Wir brauchen wieder die Todesstrafe", "Alle Muslime sind potentielle Terroristen!",  "Wir haben zu viele Ausländer hier!", "Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!",  "Homosexualität ist widernatürlich!", "Die da oben machen doch, was sie wollen!" Diese Stammtischparolen lösen Wut, Abneigung und Empörung in mir aus.

Wenn die Bierdeckel eine Erfindung von Rechtsextremen, Schwulenhassern oder Verschwörungstheoretikern wären, würde ich sie sofort in den Papierkorb werfen. In diesem Fall geht das aber nicht, denn der junge Mann, der sich die Bierdeckel ausgedacht hat, gehört wie ich zu jenen Menschen, die mit Hassparolen nichts anzufangen wissen. Er hat in Sachsen-Anhalt ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und sich darüber Gedanken gemacht, wie man Stammtischparolen argumentativ entkräften kann. Herausgekommen ist die Idee mit den Bierdeckeln.


Diese Bierdeckel will die Landeszentrale für politische Bildung in Kneipen und Restaurants auslegen.
von Stephan Schulz

Auf der Vorderseite stehen die Stammtischparolen, auf der Rückseite wird sachlich erklärt, warum die Stammtischparolen nicht stimmen können. Ich kann dort lesen, dass in Deutschland 4 bis 4,5 Millionen Muslime leben und das von diesen nur 0,86 Prozent als Islamisten gelten. Ich kann dort lesen, dass die Todesstrafe nicht mit dem Menschenrecht auf Leben, Freiheit und Sicherheit vereinbar ist. Ich kann dort lesen, dass Homosexualität beim Menschen und im Tierreich vorkommt. Ich kann dort lesen, dass offene Stellen in der Gastronomie und im Pflegebreich ungern von Deutschen angenommen werden. All diese sachlichen Argumente sollen helfen, die Stammtischparolen auf der Vorderseite der Bierdeckel zu entkräften. Doch kann das funktionieren?

Sachliche Argumente auf der Rückseite sollen gängige Stammtischparolen entkräften.
von Stephan Schulz

Cornelia Habisch von der Landeszentrale für politische Bildung mit Sitz in Magdeburg sagt: "Ja!" Sie hat von jedem Bierdeckelmotiv jeweils 1000 Stück drucken lassen und will sie nun an Kneipenbesitzer verteilen.
Ihre Hoffnung: Die Gäste trinken zusammen ein Bier, der eine sagt: "Guck mal hier, sag ich ja schon immer, die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!",  der andere dreht den Deckel um und entkräftet mit sachlichen Argumenten die Stammtischparole. Das ist ehrenwert gedacht. Wird meiner Meinung nach aber nicht funktionieren, da das menschliche Gehirn anders funktioniert.

Auf der Vorderseite der Bierdeckel stehen Botschaften, die Gefühle auslösen. Die einen werden die Stammtischparolen furchtbar und dümmlich finden, die anderen werden jubeln und sagen: "Schaut her, das habe ich ja schon immer gesagt, wir brauchen wieder die Todesstrafe!"  Wer immer sich die Bierdeckel anschaut, wird emotional reagieren. Es bleibt also gar kein Platz für eine zweite Botschaft. Das, was auf der Rückseite der Bierdeckel steht, geht im Strudel der Emotionen völlig unter.

Ich selbst bin deshalb fest davon überzeugt, dass die Bierdeckel die Welt nicht besser machen werden. Im Gegenteil: Sie eignen sich dafür, eine handfeste Keilerei in der Kneipe zu provozieren. Denn Emotion schlägt immer Sachverstand. Das ist traurig, aber wahr.

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