Liveblog Sachsen-Anhalt

"Wie Schneegestöber aus, nur mit Funken" Live



Von Stephan Schulz -
17. Januar 2015



Annemarie Burchardt erzählt noch einmal vom Bombenangriff auf Magdeburg.
Sie sitzt in ihrem Sessel am Fenster. Vor ihr steht ein Rollator, neben ihr liegen Rätselhefte. Vom Erdgeschoss schallt Schlagermusik in ihr Zimmer.

Annemarie Burchardt wohnt im Haus Mechthild, einem Seniorenwohnheim der Pfeifferschen Stiftungen. Sie ist jetzt 91 Jahre alt, es ist lange her. Aber die Erinnerungen haben sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Annemarie Burchardt


Als am 16. Januar 1945 in Magdeburg die Sirenen heulten, standen bereits die Weihnachtsbäume am Himmel, die Lichtzeichen für die Bombergeschwader, sagt Annemarie Burchardt, die damals in einem Mehrfamilienhaus am Kaiser-Wilhelm-Platz, dem heutigen Universitätsplatz, wohnte. Sie ist die Enkeltochter der Magdeburger Fabrikantin Selma Rudolph, geb. Budenberg. Sie arbeitete damals im chemischen Labor der Stahlgießerei Schäffer und Budenberg. Sie war 21 Jahre alt. Sie wollte leben. Aber ihr blieb kaum Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. „Als ich in den Luftschutzkeller unseres Wohnhauses rannte, fielen bereits die ersten Bomben.“  Da war es 21.28 Uhr.

In den darauffolgenden 39 Minuten legten Piloten der Royal Airforce die Magdeburger Innenstadt in Schutt und Asche. Mindestens 2500 Menschen kamen ums Leben. Auch das Mehrfamilienhaus, in dem Annemarie Burchardt den Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte, wurde von Bomben getroffen. „Wir konnten plötzlich vom Kellerfenster auf die Straße gucken.

Draußen tobte ein Feuersturm. „Das sah wie Schneegestöber aus, nur mit Funken“, sagt Annemarie Burchardt. Sie erinnert sich noch, dass sie sich ein nasses Lodencape überzog. Ihre Mutter hüllte sich in nasse Bettlaken. Dann krochen sie gemeinsam aus dem Luftschutzkeller und setzten sich auf eine Böschung. „Wir saßen einfach nur da, ganz ruhig und starrten vor uns hin.

Irgendwann kamen Soldaten und sagten zu den Frauen, sie sollten versuchen, auf die andere Elbseite zu gelangen. Annemarie Burchhardt lief mit ihrer Mutter los, vorbei an verkohlten Leichen, Trümmerbergen und brennenden Häusern. „Selbst die Kähne auf der Elbe brannten“, sagt die zierliche Frau, die damals den Rest der Nacht bei Bekannten im Stadtteil Werder verbrachte.

Das ganze Ausmaß der Bombardierung Magdeburgs wurde Annemarie Burchardt erst am anderen Tag bewusst. Fast alle Häuser der Innenstadt waren ausgebrannt. Magdeburg war ein Trümmerfeld. Elf Freunde und Bekannte von Annemarie Burchardt waren ums Leben gekommen. „Es war schrecklich.

In ihrem Zimmer steht ein Foto aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Es zeigt eine junge, hübsche Frau Seite an Seite mit einem Wehrmachtssoldaten. „Das bin ich mit meinem Verlobten“, sagt Annemarie Burchardt. „Er hieß Karl-Heinz, wir wollten heiraten, aber er ist in Russland gefallen.“ Der Mann war ihre große Liebe. Niemand konnte ihn ersetzen. „Es gab zwar in meinem Leben noch Männer, aber die taugten alle nichts“, sagt  Annemarie Burchardt, die nie geheiratet hat und kinderlos geblieben ist.

Annemarie und ihr Verlobter


Im Seniorenwohnheim der Pfeifferschen Stiftungen schaut sie nun häufiger Fernsehen, um noch ein bisschen Unterhaltung zu haben. Früher hat sie Ahnenforschung betrieben, aber dafür reichen die Kräfte nicht mehr. Wenn sie in diesen Tagen die Nachrichten aus Syrien oder aus anderen Kriegsgebieten sieht, dann kommen immer wieder die Erinnerungen an die Bombardierung Magdeburgs vor siebzig Jahren hoch. Sie hofft, dass sich die Geschichte nicht wieder holt.  „Ich wünsche niemanden, dass er einen Krieg erlebt, denn Kriege sind schrecklich.“



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