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Veto! - Das Politikblog von MDR SACHSEN-ANHALT

Hier bloggen die Politik-Redakteure von MDR SACHSEN-ANHALT. Meinungsstark, witzig, hintergründig - immer als persönliche Stellungnahme - so soll dieses Blog sein. Wir wollen hier spannende Geschichten erzählen und dabei einen Blick hinter die Kulissen der Politik in Sachsen-Anhalt werfen.


  • Das Chamäleon

    Von Stephan Schulz | 20. Februar 2015

    Als ich gestern mit Sebastian Striegel von den Grünen telefonierte, musste ich an ein Chamäleon denken.
    Ein Chamäleon kann ja bekanntlich blitzschnell die Farbe wechseln. Es zeigt damit seine Bereitschaft zur Balz an. Was im Tierreich der Fortpflanzung dient, dient im politischen Leben von Sebastian Striegel der Fortentwicklung. Der 33-Jährige Hallenser balzt derzeit sowohl mit SPD und Linkspartei als auch mit der CDU. Das Chamäleon verfärbt sich wahlweise rot-rot-grün oder schwarz-grün, um nach der Landtagswahl im kommenden Jahr möglichst mitregieren zu können.

    Mit diesem Balzverhalten befindet sich Sebastian Striegel auf einer Linie mit seinen grünen Mitstreitern. Er favorisiert, wie seine Fraktionschefin Claudia Dalbert, eine Koalition bestehend aus SPD, Linke und Grüne. Er kann sich aber auch ein Bündnis mit der CDU vorstellen.

    "Es wird darauf ankommen, wie wir inhaltlich zueinanderfinden", sagt Striegel.

    Mich überrascht die Farbtoleranz des innenpolitischen Sprechers der Grünen. Ich konnte mir jahrelang nicht vorstellen, dass er jemals eine gewisse Sympathie für die CDU entwickeln könnte. Umgekehrt schien es mir undenkbar, dass ein Christdemokrat jemals mit Sebastian Striegel warm werden würde. Sebastian Striegel und die CDU, das war in meiner Wahrnehmung immer eine Kombination aus Feuer und Wasser. Ich denke da zum Beispiel an Ulrich Thomas, den wirtschaftspolitischen Sprecher der CDU. Er hatte Sebastian Striegel im Oktober 2012 während einer Landtagsdebatte eine Nuckelflasche überreicht:

    "Das ist eine Nuckelflasche mit Energie drin", sagte der CDU-Politiker. "Wenn Sie mal zu sehr in Rage sind, nuckeln Sie – das hilft!"

    Sebastian Striegel gerät tatsächlich schnell in Rage. Ich habe das im Juni 2012 erlebt, als in dem kleinen Ort Insel in der Altmark zwei ehemalige Sexualstraftäter von Dorfbewohnern angefeindet wurden. Minister und Landtagsabgeordnete waren damals nach Insel gereist, um die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. An der Kundgebung unter dem Motto "Die Menschenwürde ist unantastbar" nahmen auch rund zwanzig junge Leute aus der Antifa-Szene teil. Sie hielten ein Transparent mit der Aufschrift: "Gegen den Volksmob" hoch. Auf dem Transparent waren die Gesichter von Ortsbürgermeister Alexander von Bismarck und Innenminister Holger Stahlknecht zu sehen. Letzterer fühlte sich in seiner Ehre verletzt. Der heute 50-Jährige nickte damals angeblich nur kurz mit dem Kopf und schon entrissen Polizisten den Antifa-Demonstranten das Transparent. Ich kann mich noch bildhaft daran erinnern, wie sich Sebastian Striegel zwischen die Polizisten und die Antifa-Demonstranten warf und immer wieder rief: "Hört auf, das ist freie Meinungsäußerung."

    Ziemlich beste Freunde? Sebastian Striegel (Grüne) und Innenminister
    Holger Stahlknecht (CDU)

    Foto: Anja Grothe
    von Stephan Schulz

    Sebastian Striegel kann nicht anders. Er muss für seine Überzeugungen kämpfen, gern auch mal mit körperlichem Einsatz. Meistens schreibt er aber im Wochenrhythmus "Kleine Anfragen" an Holger Stahlknecht und legt damit ganze Abteilungen des Innenmnisteriums lahm.

    "Ich schätze mal, dass ich bisher 150 Anfragen an das Innenministerium gestellt habe", sagt Striegel. Sie beschäftigen sich entweder mit der Arbeit der Polizei oder dem Rechtsextremismus.

    Es gab Zeiten, da lief Innenminister Holger Stahlknecht schimpfend über die Landtagsflure, weil ihn die bissigen Nachfragen von Sebastian Striegel nervten.
    Doch der Grünen-Politiker ließ sich nicht abschütteln. Er hing, um es bildlich auszudrücken, wie ein Terrier am Hosensaum des CDU-Politikers. Inzwischen können die beiden jedoch recht gut miteinander.

    "Wir schätzen und achten uns", sagt Striegel.

    "Wir haben mittlerweile ein sehr gutes, vertrauensvolles Verhältnis", sagt Stahlknecht.

    Gilt das auch für die CDU-Landtagsfraktion?

    "Sebastian Striegel hat etwas von einer Zwiebel", sagt der Innenminister. "Wenn er sich zu sehr häutet und zum ideologischen Kämpfer wird, kommen dem einen oder anderen in der CDU die Tränen."

    Die Gräben zwischen Holger Stahlknecht und Sebastian Striegel scheinen sich jedoch immer weiter zu schließen. Ich konnte schon mehrmals beobachten, wie sie während einer laufenden Landtagsdebatte die Köpfe zusammensteckten. Sie haben ganz offensichtlich Gesprächsthemen gefunden. Auch im Kleidungsstil nähern sich die beiden an. Sie tragen ausschließlich Anzug. Das war nicht immer so. Sebastian Striegel kam früher auch schon mal im Schlabberlook in den Landtag. Inzwischen mag er es oft piekfein, wie der Innenminister. Bei der Auswahl der Accessoires gehen die Geschmäcker allerdings noch auseinander. Holger Stahlknecht trägt mit Vorliebe Einstecktuch, Sebastian Striegel Fliege.

    Ich glaube, die beiden werden noch ziemlich beste Freunde.
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